Als sportbegeisterter Mensch passiert einem das selten: Man hört von einer Sportart, von der man vorher noch nicht einmal wusste, dass sie überhaupt existiert. „Kanupolo?“ frage ich eine Freundin, als sie mir von ihrer neusten Entdeckung erzählt. „Noch nie gehört. Das muss ich ausprobieren.“ Ich google ein bisschen und kontaktiere Jens Werner, zweiter Vorsitzender des Kajak-Clubs Nord-West Berlin. Wir verabreden eine Probestunde beim Training der Männermannschaft.

Anstrengend wie Eishockey

Um zu wissen, was mich ungefähr erwartet, schaue ich mir ein paar Videos auf YouTube an. Der Name Kanupolo ist etwas verwirrend. Schließlich sitzt man in Kajaks, nicht in Kanus. Aber Kanu ist laut Wikipedia „der Oberbegriff für Boote, die mit Paddeln in Blickrichtung bewegt werden“. Und mit klassischen Polo hat der Sport eher wenig gemein. Am besten lässt er sich wahrscheinlich als eine Mischung aus Kajak, Handball und Eishockey beschreiben. Die angreifende Mannschaft ordnet sich wie beim Handball in einem Halbkreis um das Tor an und versucht, einen Ball in ein in zwei Meter Höhe hängendes Tor zu werfen. Das sieht anstrengend aus und erinnert von der Intensität her eher an Eishockey.

Das Vereinsheim des Kajak-Clubs Nord-West liegt direkt am Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal, kurz bevor dieser in die Havel mündet. Dennis Werner und Julian Prescher empfangen mich. Wir haben uns eine halbe Stunde vor Trainingsbeginn verabredet, damit mir die zwei kurz die Grundlagen des Kanupolos zeigen können. Julian ist Spielertrainer und Kapitän der Mannschaft, die derzeit in der Bundesliga auf dem fünften Platz steht. Als Julian mir dann noch erzählt, dass er Nationalspieler und damit aktueller Weltmeister im Kanupolo ist, zweifle ich kurz, ob es eine gute Idee war, ausgerechnet hier ein Probetraining zu absolvieren.

Aber gut, ein Zurück gibt es jetzt nicht mehr. Julian sammelt meine Ausrüstung zusammen. Nachdem ich Schwimmweste, Spritzschutz und Helm samt Schutzgitter übergezogen habe, steige ich in mein Kajak. 

Julian reicht mir mein Paddel und zeigt mir die richtige Haltung. Beide Hände sollten nah am Paddelblatt zugreifen, um dieses möglichst senkrecht ins Wasser einstechen zu können. Das ist wichtig, damit das Boot beim Paddeln gerade bliebt und nicht im Zickzack über den Kanal gleitet. Meine Füße setze ich auf eine kleine Eisenstange auf, die Knie drücken an die Außenwand des Boots. Obwohl man dadurch etwas mehr Kontrolle hat, ist die ganze Angelegenheit wackeliger als gedacht.

Dennis sieht mir meine Unbeholfenheit an und erklärt mir die wichtigste Regel für Anfänger. „Wenn du umkippst, schnell an der Schlaufe von der Spritzdecke ziehen“, sagt er. Macht man das nicht, kann kein Wasser ins Boot laufen und man treibt mit dem Kopf unter Wasser wie eine Boje auf dem Kanal. „Ah – o.k.“, sage ich und halte Ausschau nach einem Rettungsschwimmer am Ufer. „Du wärst tatsächlich der Erste, der ertrinkt“, sagt Dennis. Na dann.

Am besten kippt man gar nicht erst um. Dazu muss man im Grunde seinen Oberkörper konstant unter Spannung halten. Nach einer Minute auf dem Wasser meldet sich meine Bauchmuskulatur mit ersten Erschöpfungszeichen. Da sind Ball und Gegner noch nicht mal in Sicht.

Wir schippern Richtung Spielfeld. Julian und Dennis erklären mir die grundlegenden Regeln. Jede Mannschaft besteht aus fünf Spielern, die jeweils versuchen, den Spielball ins gegnerische Tor zu werfen. Der Ball darf mit den Händen oder dem Paddel gespielt werden. Die verteidigende Mannschaft hat immer einen freien Torwart. Dieser steht unter dem Tor und versucht mit seinem Paddel, das er senkrecht nach oben hält, das Tor zu verteidigen. 

Wir fahren uns ein bisschen warm und werfen uns hier und da einen Ball zu. Die Koordination von Paddeln und Fangen und Werfen überfordert mich etwas. Ich konzentriere mich auf das Wesentliche und versuche, mein Boot beim Paddeln gerade zu halten. Das gelingt ohne Ball ganz gut, sobald Julian oder Dennis mich aber ins Spiel einbringen wollen, wird es wackelig.

Ich werfe trotzdem probehalber aufs Tor und treffe auf Anhieb. Meine Freude darüber währt aber nur kurz. Als ich sehe, mit welcher Geschwindigkeit Julian und Dennis die Bälle ins Tor zimmern, wird mir klar, dass jeder Torwart meine Würfchen, zumindest auf diesem Niveau, mit seinem Paddel leicht abwehren würde.

Spektakulärer Anstoß

Mittlerweile sind auch die anderen Spieler des Kajak-Clubs eingetroffen. Mich beschleicht erneut das Gefühl, dass ich hier fehl am Platz bin. Die Athletik und Dynamik, mit der die Kanuten durchs Wasser peitschen, ist aus nächster Nähe noch eindrucksvoller als vor dem Laptop-Bildschirm. „Willst du wirklich mitspielen?“, fragt mich Julian noch und verunsichert mich komplett. „Ja, klar“, sage ich. Aber es ist eher die Reporter-Pflicht, die aus mir spricht. Julian teilt die Mannschaften auf. An die gegnerische Mannschaft appelliert er, mich nicht zu hart anzugehen. Dann geht’s los.

Ein Kanupolospiel beginnt stets mit einem recht spektakulären Anstoß. Der Schiedsrichter wirft den Ball in die Mitte des Feldes und je ein Spieler aus jeder Mannschaft sprintet auf diesen zu und versucht, den Ball unter seine Kontrolle zu bringen. Das mündet in eine Art kurzen Wasser-Ringkampf, wobei oft ein Kanu über das andere hinweg schießt. Die Anfänger-Regel („Spritzdecke ziehen, wenn man umkippt“) ist für geübte Spieler übrigens obsolet. Sie haben so viel Kraft und Koordination, dass sie sich und ihr Kajak selbst wieder aufrichten können.

Welpenschutz angeordnet

Wir gewinnen den Anstoß und haben Ballbesitz. Ich sortiere mich halb rechts im Angriffskreis ein. In der Mitte versuchen zwei meiner Mitspieler, sich in Position zu fahren, wobei schieben, drücken und rangeln hier die besseren Ausdrücke wären. Es knallt und spritzt, während wir übrigen drei Spieler uns im Halbkreis den Ball zuwerfen. Die gegnerische Mannschaft nimmt meinen von Julian angeordneten Welpenschutz etwas zu ernst. Nach einigen Kombinationen komme ich unbedrängt zum Wurf und erziele den ersten Treffer. Auch der Torwart hält sich vorbildlich an Julians Vorgabe.

Wasser schießt ins Boot

Es sollte mein einziges Erfolgserlebnis bleiben. Nach unserem ersten Angriff paddele ich dem Spiel zuverlässig zwei Bootslängen hinterher. Während mein Team sich also schon in der Abwehr formiert hat, bin ich noch damit beschäftigt, mein Kajak zu drehen. Am eigenen Tor angekommen, teilt mich Julian einem Gegenspieler zu. Aber bis ich diesen erreicht habe, ist der Ball schon drei Spieler weiter und der Angriff abgeschlossen. Mir fehlt es sowohl an Wendigkeit als auch an Schnelligkeit, dem Training der Bundesligamannschaft zu folgen.

Nach weiteren zehn Minuten verlässt mich meine Kraft. Bei dem Versuch, schnell aus der Abwehr in den Angriff zu kommen, drehe ich mich zu hektisch. Mein Kajak kippt nach links, ich platsche ins Wasser. Ohne groß nachzudenken, ziehe ich an der Spritzdecke und das ins Kajak einschießende Wasser spült mich aus dem Boot. Ich schnappe ein paar Mal nach Luft und schwimme ans Ufer. „Ich glaube, das reicht“, sage ich zu Julian. Er widerspricht nicht.

Immerhin: Ertrunken bin ich nicht. Aber für meinen nächsten Versuch sollte es dann wohl doch eher die Schülermannschaft sein.