Theresa May, Angela Merkel, Emmanuel Macron und Jean-Claude Juncker.
Karikatur: Heiko Sakurai

BerlinWenn man ein ordentliches Talent hätte, könnte man es sich sparen, jeden Tag so viele Zeilen über die große Koalition zu verfassen. Man könnte stattdessen Angela Merkel zeichnen, wie sie mit halb geschlossenen Lidern auf dem berühmten Eisernen Thron der Kultserie sitzt, die Hände links und rechts locker abgelegt, die Füße leicht eingedreht, der Blick geht zum Betrachter.  Darüber steht in schwarzen Lettern „Game of Kanzleramt“.  

Die Kanzlerschaft der Angela Merkel nähert sich dem Ende. Aber noch gibt es keine, die die Fäden im Kanzleramt besser spinnt als die leicht untersetzte Dame im Blazer. Und deshalb ist sie auch in diesem Jahr wieder die unumstrittene Hauptfigur in den Karikaturen von Heiko Sakurai. Leser der Berliner Zeitung kennen ihn von der Meinungsseite. Mehrmals in der Woche kommentiert der 48-Jährige dort das politische Geschehen mit dem Zeichenstift und, wenn überhaupt, ganz wenigen Worten. Jetzt hat Heiko Sakurai seinen Jahresband für 2019 vorgelegt, und ich kann Ihnen nur raten: Beschenken Sie Ihre Familie zu Weihnachten mit Karikaturen.  Man spricht beim Festessen ja gerne über Politik, und da sind sie eine gute Hilfe, um sich an vieles zu erinnern, was schon vergessen oder verdrängt ist.

Theresa May zum Beispiel. Die frühere englische Regierungschefin hat es nicht geschafft, einen Brexit-Deal durchzubringen. Aber sie hat zäh gekämpft und sich erstaunlich lange im Amt gehalten. Man sieht es daran, wie häufig sie in Sakurais Karikaturen vorkommt. In einer vom Anfang des Jahres stehen die Bundeskanzlerin, der französische Staatspräsident  Macron und der damalige Präsident der Europäischen Kommission Juncker vor einem Wasserbassin. Darin liegt in Ketten eine grämlich blickende May, aus dem Mund entweichen Luftblasen. Sprechblase über dem Kopf der Kanzlerin: „ Wahnsinn. Sie entfesselt sich zwar nicht, aber sie überlebt, überlebt, überlebt.“ Mittlerweile ist Mays Nachfolger der Sache etwas näher gekommen.

Annegret Kramp-Karrenbauer
Karikatur: Thomas Plaßmann

Später im Jahr wird die kämpfende May von der kämpfenden Annegret Kramp-Karrenbauer abgelöst, die sich der Kritik an ihren vielen Pannen erwehren muss. Bei Thomas Plaßmann, der auch für die Berliner Zeitung Karikaturen zeichnet und dessen Jahresband nun ebenfalls vorliegt, baumelt sie als glückloser Tarzan an einer schlaffen Liane. Da geht es ihr aber immer noch besser als Andrea Nahles, deren Konterfei bei Heiko Sakurai nach Banksy-Manier geschreddert wird. Auffällig viele Frauen agierten in diesem Jahr in der Spitzenpolitik, und immer mussten sie sich plagen. Grund zur Freude hatte einzig Ursula von der Leyen, die ihren Job als Verteidigungsministerin mit dem der EU-Kommissionschefin tauschen durfte. Beide Zeichner zeigen eine strahlende „Euro-Uschi“ (Plaßmann), die sich auffällig schnell von der Truppe entfernt.

Unterm Strich war 2019 für die Zeichner so chaotisch wie das vorangegangene Jahr. Der überraschende Führungswechsel in der SPD hat bei beiden nicht mehr in den Jahresband gepasst. Aber zumindest Heiko Sakurai ist da Kummer gewohnt. Beim Rückblick 2018 nahm er die Jamaika-Koalition auf den Titel seines Buches. „Drei Tage vor Auslieferung sagt der Lindner dann das Bündnis ab“, erinnert sich Sakurai noch heute mit Schaudern. Beim aktuellen Buch hat er sich halbwegs abgesichert. Die Karikatur von der Kanzlerin auf dem Eisernen Thron der „Game of Thrones“-Serie trägt den Zusatz „Letzte Staffel“. Wird schon stimmen.

Heiko Sakurai, Cartoons des Jahres

Schaltzeit-Verlag 2019, 18,90 Euro

Thomas Plaßmann, Unterm Strich. Der Rückblick

Klartext-Verlag, 16,95 Euro