Die französische Karikaturistin Claire Brétecher (1940-2020)
Foto: Derrick Ceyrac / AFP

Paris Der französische Philosoph Roland Barthes bezeichnete sie einmal als „Soziologin des Jahres“ und wollte damit sagen, dass Claire Bretécher in ihren Bildergeschichten wie kaum eine andere Zeichnerin soziale Problemlagen in den Blick nehme. Das war 1976, Bretécher hatte gerade mit der Veröffentlichung der mehrbändigen Serie „Die Frustrierten“ begonnen, mittlerweile ein Comic-Klassiker, in dem es in zahlreichen Porträts um das Lebensgefühl einer Generation von Franzosen ging, die zwischen materiellem Wohlstand und existenziellen Zweifeln hin und her gerissen wurde – und nicht zuletzt auch um den Kampf der Frauen um Gleichberechtigung. Das Etikett, eine feministische Künstlerin zu sein, hing ihr seitdem an. 

Dabei war sie viel mehr, nämlich eine scharfe Beobachterin der sprichwörtlichen „Mythen des Alltags“, also der falschen Versprechungen, der wahren Sehnsüchte und unserer dazwischen hin und her changierenden Enttäuschungen. Bretécher begann ihre Karriere als Comiczeichnerin 1963, da arbeitete sie mit dem Asterix-Schöpfer René Goscinny zusammen. Sie zeichnete 1965 und 1966 für das renommierte belgische Comic-Magazin „Tintin“ und veröffentlichte 1969 im französischen Jugend-Magazin „Pilote“ mit „Cellulite“ ihre erste eigenständige Geschichte. Eine grotesk-komische Comicserie, die im Mittelalter spielt und von der jungen Prinzessin Cellulite handelt, die es leid ist, auf Prince Charming zu warten, und deren Vater ein erotomanischer wie cholerischer Patriarch ist, dessen ganze Tragik darin besteht, dass er immer gestört wird, wenn er mit seiner Geliebten im Bett liegt. In dieser frühen Geschichte ist schon die ganze Bretécher enthalten.

Frau links: "Zart, gut ausgereift, muskulös, nicht zu viel Fett, immer frisch, appetitlich, dieses Fleisch ist ... es ist ..." Frau rechts: "Es ist das genaue Gegenteil von meinem Mann."
Abbildung: Claire Bretécher

Auch in Deutschland hat sie früh ihre Anhänger gefunden, der Zeichner Ralf König ist einer davon. 1982 gewann Bretécher den Comic-Oscar, den Grand Prix de la Ville d’Angoulême. 2016 wurde sie beim Comic-Salon Erlangen als erste Frau mit dem Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk des Max-und-Moritz-Preises ausgezeichnet. Wie der Verlag Dargaud in Paris mitteilte, ist Bretécher am Dienstag im Alter von 79 Jahren gestorben.