Karin Harrassers Studie zum „Körper 2.0“: Die technische Optimierung des Menschen

Der Mensch ist, so lehrt nicht erst die Anthropologie von Arnold Gehlen, ein Mängelwesen. Zu schwach, um im Überlebenskampf mit den Tieren zu bestehen, zu zweiflerisch, um einfach aus Instinkt zu handeln. Seine Schwächen wendet er zum Vorteil: Mittels Kultur und Technik gestaltet er seine Umwelt neu und bezwingt die Natur. Soweit die klassische Erzählung, in der es immer darum ging: Der Mensch ist Mensch erst durch seinen Geist, Zivilisation ist eine Errungenschaft der Vernunft. Und der Körper? Ein Rest Natur, der in der Definition unseres Ichs eine Nebenrolle spielt. Einerseits.

Andererseits ist ein neuer Körperkult nicht zu übersehen. Wieso ist gesunde Ernährung so wichtig? Woher kommt die Suche nach der „Work-Life-Balance“? Der Mensch bleibe auf seinen Körper zurückgeworfen, sagt die Linzer Kulturwissenschaftlerin Karin Harrasser in ihrem Buch „Körper 2.0“, aber er mache auch aus ihm ein Projekt. Das „2.0“ meint hier eine allgemeine technische Erweiterbarkeit: Der eigene Körper ist dazu da, optimiert zu werden.

Prothesen zum Beispiel machen einen Körper bisweilen leistungsfähiger, als es das unversehrte Original ist. Da ist zum Beispiel der Sprinter Oscar Pistorius, der mit seinen Beinprothesen bei den Olympischen Spielen in London an der 4-mal-400-Meter-Staffel teilnahm. Im Vorfeld des Rennens überschlugen sich die Kommentare: Hat Pistorius durch seine „Hightech-Geparden-Beine“ nicht einen Vorteil? Oder schaffen sie einfach Chancengleichheit gegenüber den anderen Läufern? Im Zentrum der sportmedizinischen Gutachten stand immer wieder die Frage, ob Pistorius einen möglichen Sieg „aus eigenen Kräften“ erringen würde, allein durch seinem Körper.

Karin Harrasser rekapituliert diesen Fall, um auf etwas anderes kommen: Der Mensch wird zum „Human 2.0“, dessen körperliche Beschränkungen technisch und medizinisch überwindbar sind. Ein besseres Leben, so Harrasser, winkt nicht jenseits des Körpers, sondern dank des optimierten Körpers. Die schöne Aimee Mullins, die auch künstliche Beine hat, sorgt auf den jährlichen TED-Konferenzen für Technology, Entertainment und Disign regelmäßig für Begeisterung, wenn sie erzählt, wie sie trotz ihrer Behinderung Model wurde. Alles sei erreichbar, so ihre Botschaft, wenn nur die Ideen stark genug sind.

Das Problem ist nur: Die Selbstverbesserung geschieht längst nicht nur freiwillig. Am Beispiel der Prothese („jeder muss mithalten können“) zeigt Harrasser, wie die Optimierung des Körpers zu einem gesellschaftlichen Imperativ geworden ist. Ob Schönheitschirurgie oder Fitnessstudio – die Spielarten des „Look Great!“ sind vielfältig.

War es früher darum gegangen, schwer verwundeten Kriegsheimkehrern ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen, diskutieren Computerwissenschaftler heute über Cyborgs, Mischwesen aus Mensch und Maschine. Wie wenig das mit ferner Zukunft zu tun hat, macht die bald lieferbare Datenbrille Google Glass klar. Ein „Gerät, das die Wirklichkeit laufend beschriftet“ und die Wahrnehmung mit der Technik verschmelzen lässt.

In ihrem erhellenden Buch (dessen Lektüre leider durch bemühten Fachjargon erschwert wird) vermeidet Karin Harrasser Technikverherrlichung wie Technikfeindschaft. Sie kommt zum Schluss, dass ein Ja zu einer Technik noch lange kein Ja zu allen Möglichkeiten ist, die sie eröffnet.

Die Fortpflanzungsmedizin etwa kann ein Segen sein, was nicht heißt, gleich die Augenfarbe des Nachwuchses auszusuchen. Und man kann doch wohl noch ein paar Runden laufen, ohne das gleich auf Facebook zu dokumentieren.