Unergründlich der Lauf der Welt, unerschöpflich die Legenden, weshalb sehr alte Geschichten gerne erzählen, dass es Gebete waren, die schließlich erhört wurden. Nachdem die Ehe des Herrscherpaares Pippin und Bertrada zunächst kinderlos geblieben war, fruchteten die Anrufungen dann doch, sodass in der Wiege nicht nur ein Kind lag, sondern definitiv ein Thronfolger, Karl.

Nach alter Lesart gefiel es nämlich Gott am 2. April des Jahres 748, der Dynastie die Nachfolge mit einem ganzen Kerl (Karl) zu sichern, mit dem dann der Herr, den die Karolinger erst einige Jahrzehnte zuvor für sich entdeckt hatten, als alleinige Gottheit bis an die Reichsgrenzen der Franken durchgesetzt wurde. Noch nicht die Zeitgenossen, wie lange behauptet wurde, aber unmittelbare Nachfahren waren so frei, dass sie aus dem „großen Kaiser“ Karl den Großen machten. Diese Vorstellung, dieser Überschwang, dieses Bild, stets eine Konstruktion, ist bis heute nicht abgerissen. Nachhaltige Politik, das darf man wohl sagen.

Das Mittelalter hat daran angeknüpft. Nicht nur das Mittelalter. Der Mittelalterhistoriker Johannes Fried, wahrhaftig eine Macht, meint dagegen: Langsam – und nimmt sich 750 Seiten Zeit für seine Biografie über Karl, seine großartig erzählte Re-Konstruktion, nachdem er den Leser eingestimmt hat mit dem Satz: „Das folgende Buch ist kein Roman, dennoch eine Fiktion.“

Denn zu dürftig die Quellen, zu einseitig, zu sehr manipuliert, sodass sich der Leser bei Frieds „Annäherung an eine fremde, abgelebte, eine verblichene Zeit“ einlassen muss auf eine „Archäologie des geschichtlichen Gedächtnisses“.

Auch Stefan Weinfurter, als Mittelalterforscher ebenfalls eine Instanz, fragt in seiner Karls-Biografie immer wieder: Ist es denn wahr, stimmt die Geschichte? Nein, nicht alles erfunden, aber ungeheuer viel.

Einhart, Karls erster Biograf und Mann an seiner Seite, bezeichnete Karls erstrangige Anstrengung als „Beseitigung jeder Unbestimmtheit“. Das ist nicht ohne Ironie, denn zu der gewaltigen Bildungs- und Wissensoffensive gehörte eine „regelrechte Schreib-Euphorie“ (Weinfurter) – mit allem, was dazugehört: Beschönigungen, Verklärungen, Vertuschungen, Verdrehungen, Entstellungen, Fälschungen.

Nach allem, was wir wissen, ist Karls historische Bedeutung nicht zu verstehen ohne das Erbe, das ihm in die Wiege gelegt wurde. Angefangen mit der Königswürde, die sein Vater, Pippin, bereits errang. Dann die damit verbundene Zeremonie der Salbung, auch die ein Novum. Pippin führte zur Bekräftigung seiner Macht und seiner Herrschaftsansprüche zahlreiche zeremonielle, symbolgesättigte Handlungen ein.

Allein, es war nicht nur Symbolpolitik, wenn er sich mit dem Papst verbündete, denn die Eigenständigkeit des Kirchenstaates setzte er gegen die Langobarden als kriegführender König durch. Als König der Franken stieg Pippin auf zum Schutzherrn über Rom, auch das ein Abkommen von ungeheurer Wirkung, langfristig für die gesamte Entwicklung Europas, kurzfristig war Karls Rom-Orientierung eine Brüskierung für das weit mächtigere Konstantinopel.

Die „agonale Ethik“ (Fried), die auf Konkurrenz, auf Kampf und Krieg basierende Sittenlehre der Franken erklärt deren Durchsetzungsvermögen, vor allem im furchterregenden Zusammenwirken mit einem heilsgeschichtlichen Bewusstsein. Mit einem unerbittlichen Missionsgedanken ging Karl vor gegen seine Widersacher und Feinde, gegen Awaren oder Langobarden, im Osten ließ er den Sachsen keine Ruhe. Das Unterjochungsprogramm dauerte 33 Jahre. Schon 772 hatte er gegenüber den Heiden einen ungeheuren Frevel begangen, indem er ihr Heiligtum, die Irminsul zerstört hatte. Der Glaubenskrieger Karl war der Urheber eines Dreißigjährigen Kriegs, der Provokation folgte eine Eskalation der Gewalt, die Gründungen von Bischofsburgen oder Karlsburgen wurden zu Brückenköpfen der Mission, um die kultische Verehrung heidnischer Gottheiten und Dämonen zurückzudrängen.

Karl war ein Glaubenskrieger, ein „heiliger Barbar“, wie Stefan Weinfurter sein Buch untertitelt. Karls Anstrengungen zur „Beseitigung jeder Unbestimmtheit“, so Einhart, der Biograf an Karls Seite, stand im Zeichen der Eindeutigkeit. Diese Idee der Eindeutigkeit verfolgte „die Verchristlichung des Staatswesens um 800“ (Weinfurter), und hatte zwangsläufig wenig Verständnis für eine vieldeutige Welt, gelebt durch die Wissenskulturen in Byzanz oder Bagdad. Eine andere Christenheit in Konstantinopel, die Gegenwart der Sarazenen: Karl war mit Umbrüchen konfrontiert, die sich durch eine Vielfalt der Kulturen ausbildeten und ausbreiteten, in dem einen oder anderen Fall als Bereicherung wahrgenommen wurden, zumeist als Gefahr und lebensbedrohliche Konkurrenz.

Besessen war Karl von der Mission der Muslime. Ohne Kenntnisse über den Islam, über dessen Kultur und, das war dann wirklich fatal, dessen Kriegstechniken, stürzte er sich ins Abenteuer gegen die Sarazenen. Was Karl bei seinem spanischen Feldzug im Jahr 778 widerfuhr, war ein (immer wieder verschwiegenes) Desaster. Der Nachklang dann im „Rolandslied“ und anderen Epen bedeutete weitere verklärende Fiktionen, die das Karlsbild beeinflussten, im Hochmittelalter, im Spätmittelalter. Nicht nur vor 700, 800 Jahren.

Karl, eine strahlende Erscheinung, eine im Gegenlicht. Wenn wir als Leser mit Fried oder Weinfurter dennoch nicht eine nur schemenhafte Figur wahrnehmen, dann hat das mit dem immensen Wissen der beiden Autoren zu tun, einer stupenden Belesenheit, die die Quellen zu bewerten weiß. Zu erzählen weiß, warum das Karolinger Reich, Fried skizziert es auf wenigen Seiten, alles andere als eine „egalisierende Einheit“ war. Vielmehr prägte „bunte Vielfalt das durch Kriege zusammengebrachte karlische Vielvölkerreich“. Dabei war es vor allem aber zweierlei: „randseitig“ – gemessen an Byzanz und am Reich des Kalifen war das Frankenreich Peripherie. Hinzu kam, trotz der Wiederentdeckung der Neugierde und der durch Kriegszüge vorgenommenen Horizontverschiebungen: Das Reich hatte von seiner Lage kaum eine Vorstellung, wie Fried gelegentlich zuspitzt. Die Franken, denen die Weltweite und die Weltferne, trotz diplomatischer Anstrengungen bis hin nach Bagdad, verborgen blieb, lebten die Isolation. Das nicht etwa bewusst, aber, im Schatten der gewaltigen Wissensoffensive Karls, unwissentlich.

Karl herrschte 44 Jahre, das letzte Jahrfünft seiner Herrschaft mit für ihn, einen Mittelaltermenschen, beklemmenden Vorzeichen. Erscheinungen am Himmel, auf freiem Feld, an der Wand seiner Aachener Residenz verblasste die Schrift: Karl der Gebieter. Karl war eine von Endzeitgedanken verfolgte Existenz. Erfolgreich war er, und sei es als eminent widerspruchsvolle Gestalt, weil er das Reich vergrößerte und dessen Grenzen einigermaßen sicherte. Karl stärkte den Papst und das Papsttum, enthob den Bischof von Rom per Machtspruch von der irdischen Gerichtsbarkeit, markierte den Kirchenstaat auf der Karte Italiens und sicherte dem Christentum ein Existenzrecht auf Erden.

Dass der Satz, mit Karls Tod sei nichts mehr so wie zuvor gewesen, richtig ist, hat damit zu tun, dass er die Wissenschaften wiederbelebte; überhaupt ist Karls Urheberschaft auf eine enorme Bildungsoffensive unumstritten. Den verwahrlosten Klöstern verordnete er eine Orientierung an der Demut, und diese Verpflichtung galt nicht nur gegenüber Gott und dem Jenseits. Karl tat etwas für den Armenschutz und die Armenpflege, großzügig auch in seinem Testament.

Karl, geboren am 2. April 748, gestorben am 28. Januar 814, wurde 65 Jahre alt. Bereits damit hat sich seine Zeit nicht arrangieren wollen. Seine Grabinschrift behauptete, er habe „siebzig Jahre des Lebens als Greis vollendet“. Jahrhunderte hat auch diese Fälschung gewirkt, Jahrhunderte hat es gedauert, sie zu durchschauen, heute erscheint plausibel, dass die Grabinschrift eine Anspielung auf Psalm 89 war: „Unser Leben, heißt es da, „währet siebzig Jahre“. Um Karl als Vollendeten hinzustellen, letztendlich als Vollender der Heiligen Schrift, sollte der Gebieter ein gesegnetes Alter erreicht haben. Auch diese Segnung war bereits eine falsche Fährte.

Johannes Fried: Karl der Große. Gewalt und Glaube. Verlag C. H. Beck, München 2013, 736 S., 29,95 Euro.

Stefan Weinfurter: Karl der Große. Der heilige Barbar. Piper-Verlag 2013, München 2013, 352 S., 22,99 Euro.