Karl Heinz Bohrer: Geistesritter von trotziger Gestalt

Karl Heinz Bohrer ist ein Intellektueller. Das möge bitte als Lob verstanden werden. Zum Intellektuellen wird man ja nicht, weil man viel weiß und zu vielem eine Meinung hat. Auch nicht, weil man komplexe Sätze zusammenzuschrauben versteht. Es gibt solche Intellektuelle, das sind die schlimmen. Bohrer gehört nicht zu ihnen. Er weiß zwar viel und hat zu vielem eine Meinung. Er ist auch ein hervorragender Sätzezusammenschrauber. Zu einem Intellektuellen, der dieses Namens würdig ist, macht ihn allerdings sein unbedingter Glaube ans Ästhetische, an die Literatur, an die Schönheit des Denkens.

Glaube an die Rettungskräfte der Literatur

Dieser Mann, heute vor 80 Jahren in Köln geboren, ist einer, der die Literatur nicht zur Unterhaltung braucht, sondern zum Leben. Intellektuelle seines Schlages sind Geistesritter von der trotzigen Gestalt. Sie glauben an die Rettungskräfte der Literatur, die Sprengstoffe des Denkens. Bohrer ist dabei aber auch einer, der die Kunst nie mit dem bloß Schönen verwechselt hat. Denn das Ästhetische ist bei ihm immer das Unwahrscheinliche, Außergewöhnliche. Schock und Schrecken sind seine typischen Begleiterscheinungen.

Es ist kein Zufall, dass Bohrer der ästhetischen „Plötzlichkeit“ eines seiner berühmtesten Bücher gewidmet hat. „Ausfälle gegen die kulturelle Norm“ heißt das erste Kapitel. In ihm verteidigt er die „von allen Seiten gehasste Labilität des Ästhetischen“ und feiert es als „hinreißenden Überfall auf unsere Bravheiten“, als „Abriss von Erwartungsverhalten“. Der Leser ist für Bohrer immer einer, der zusammenzuckt, erschrickt vor sich selbst und seiner Zeit, der Denker einer, der diesen Schrecken zu ergründen versucht.

Fast 30 Jahre, bis 2011, hat er unter dieser Vorgabe gemeinsam mit Kurt Scheel die Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, den Merkur, geleitet. Mit großer Lust an „Auseinandersetzung ohne Versöhnungsabsicht“. Acht Jahre lang war er, von 1968 an, der Chef des Literaturblatts der FAZ, bis er auf Betreiben von Joachim Fest abgesetzt wurde und als Korrespondent nach London ging. Sein Nachfolger Marcel Reich-Ranicki warf ihm später vor, er habe das Blatt „mit dem Rücken zum Publikum“ gemacht. „Er hatte völlig recht“, so Bohrer jetzt in einem Gespräch, abgedruckt in der aktuellen Ausgabe von Sinn und Form. Denn Rücksichten auf die Lesererwartung zu nehmen, hätte für ihn geheißen, das Ästhetische an die Quote, den Populismus zu verraten. Das war bei der FAZ dann Reich-Ranickis Part – er hat Literaturkritik immer mit dem Bauch zum Publikum betrieben, im Stile des Gutsherren, der über das literarische Fußvolk seine Richtersprüche fällt. Das bloße Urteil ist für Bohrer dagegen an aller Kritik das Langweiligste. Er ist Forscher, wechselte folgerichtig vom Journalismus in die Wissenschaft, wurde Professor in Bielefeld, schrieb ausgesucht anspruchsvolle Bücher zur Tragödie, zur ästhetischen Kategorie des Bösen, zu Form und Formlosigkeit in der Moderne – und wurde als freier Denker einer der einflussreichsten und streitbarsten Intellektuellen der Bundesrepublik.

Seine Bücher sind Verführungen der Literatur

An allen Utopien, an jenen der 68er besonders, sah er zuerst ihre Anfälligkeit für den ideologischen Missbrauch, an aller Zukunftsversessenheit den Gegenwartsverlust. Er hielt und hält sich noch immer gern an den Satz Heinrich Heines, dass die Gegenwart nicht einem Zweck, nämlich der Zukunft geopfert werden dürfe. Musil, Baudelaire, Nietzsche, Kafka – das sind seine Helden. An Ernst Jünger schätzt er die „Ästhetik des Schreckens“, an den Frühromantikern (zu denen er auch Adorno zählt) die Liebe zum Fragmentarischen, am antiken Theater das Pathos. Man muss nicht alles teilen, was Bohrer schreibt, aber seine Bücher sind immer Verführungen zur Literatur.

Und jetzt ist dieser Mann unter die Schriftsteller gegangen: „Granatsplitter“ heißt sein gerade erschienenes Prosadebüt. Der Kritiker als Künstler, der Wissenschaftler als Dichter – wenn das kein Risiko bedeutet. „Die Kunst des Rühmens“ heißt einer seiner Aufsätze. Darin schreibt er, es gäbe verschiedene Gründe, die den Ausschlag geben, ob ein künstlerisches Werk gelungen ist oder nicht, vor allem formale.

Formal ist „Granatsplitter“ die „Erzählung einer Jugend“ in dritter Person. Es ist von einem kleinen Jungen in Köln die Rede, die Anfangsszenen spielen im Zweiten Weltkrieg. Gleich zu Beginn liest man diesen Satz: „Die Granatsplitter waren das Schönste, das man sich ausdenken konnte.“ Die Granatsplitter wurden das erste Bild vom Krieg für ihn, das Wort „Krieg“ kannte er dagegen schon – aus einem Märchenbuch.

Bohrer legt Wert darauf, dass „Granatsplitter“ keine Autobiographie sei, sondern zur „Phantasie einer Jugend“ gehöre, mit der die Atmosphären und das Denken einer vergangenen Zeit dargestellt werden solle. So steht es in einem Postscriptum, und es ist keineswegs Koketterie, sondern das Bekenntnis, dass man von der Vergangenheit wenig weiß, wenn man Fakten aufzählt, aber alles, wenn man ihre Stimmung, das Gestrüpp aus Gedanken und Gefühlen kennt.

Natürlich ist der Junge aus Köln Bohrer selbst. Natürlich beruhen die Schilderungen der Schulzeit im Schwarzwald, der geschiedenen Eltern, der Griechischlehrer und Theaterbesuche auf seinen Erlebnissen. Aber das zu wissen, ist nicht wichtig für die Lektüre dieser Erzählung, die 1953 abrupt endet. Wichtig sind die Metaphern und Stimmungsbilder. Sie zeichnen das Bild eines Menschen, der das Leben anhand von Literatur zu lesen lernt – und die Literatur vor dem Hintergrund der Lebenserfahrungen begreift. Bohrer beschreibt hier „eine Jugend“ aus der Warte des Phänomenologen: mit distanzierter Nähe, mit anteilnehmender Beobachtung. Der Literaturprofessor macht so zu Literatur, was ihn immer gefesselt hat: das Gefährliche, das Zersplitterte, das Unfassliche der modernen Welt und ihrer Literatur. „Granatsplitter“ ist dabei die Metapher seines Lebensthemas: der Schrecken des Schönen, die Schönheit des Schrecklichen.

Gut möglich, dass sich der Kritiker Bohrer an einigen gespreizten Formulierungen dieser Erzählung gestört hätte. Ihren unbedingten Glauben an die Literatur wüsste aber keiner besser zu loben als er.

Karl Heinz Bohrer: Granatsplitter. Erzählung einer Jugend. Carl Hanser Verlag, München 2012. 327 Seiten, 19,90 Euro