Als aus dem realsozialistischen Karl-Marx- Stadt am 1. Juni 1990 wieder Chemnitz wurde, gab es politischen Zank und Streit. Die einen wollten den gewaltigen Marx-Kopf nahe der Straße der Nationen abreißen. Die anderen verhinderten den Bildersturm. Ungerührt blickte indessen der bronzene Klassiker des wissenschaftlichen Kommunismus mit seinen zornig- kantigen Zügen vom Podest herab ins Zentrum der Stadt, die seinen Namen nicht mehr tragen wollte.

1971 war die Bronze, in deren Inneres man sogar hineingehen kann, mit großem Politbrimborium aufgestellt worden – ein staatliches Auftragswerk und die damals zweitgrößte Porträtplastik der Welt. Der sowjetische Bildhauer Lew Kerbel formte sie im expressionistischen Stil. Es folgte in den späten Achtzigerjahren der nächste DDR-Staatsauftrag: Die kolossale Bronze  des von den Nazis im KZ Buchenwald ermordeten KPD-Führers Ernst Thälmann im Prenzlauer Berg, heute beliebtes Objekt der Sprayer-Szene.

Ob das Weltall rückwärts zählt?

Der Künstler Olaf Nicolai, Jahrgang 1962 und aufgewachsen wie sein Bruder Carsten Nicolai in Karl-Marx-Stadt, nimmt sich in seinem  24-Stunden-Film „MARX“ des bis heute umstrittenen Chemnitzer Monuments an. Es wird noch immer von den Einwohnern und in ganz Sachsen halb sarkastisch, halb trotzig-liebevoll „Nischel“ oder auch „Schädelstätte“ genannt, angelehnt an  Golgatha.

Wie auch immer empfunden, ist die Bronze ein Wahrzeichen der Stadt. Nicolai drehte während der herbstlichen Tagundnachtgleiche. Und deshalb läuft der Film ab Dienstag, den 21. September zwölf Uhr, also auch zur Tagundnachtgleiche. Und dies zugleich an 16 Orten auf der ganzen Welt – in Los Angeles, Montevideo, Tanger, Berlin, Chemnitz, Tiflis, Guangzhou und Jerusalem.

Die Bilder – einer einzigen Kameraeinstellung – reisen also um den Globus und sind in unterschiedlichen Zeitzonen zu sehen. Es entsteht eine Art Zeitkapsel. Nicolai wählte für den Bildausschnitt bewusst nur einen Teil des monumentalen Gesichts, auf dessen stark konturierter Metalloberfläche das Licht wandert und reflektiert wird. Die Tonspur des Films gibt die Geräusche der Umgebung wieder, ohne dass  sie sichtbar würde. Man hört  den Verkehr, Schritte vorbeilaufender Leute, die Glockenschläge der Rathausuhr. Dazu verbindet Nicolai seine Filmarbeit mit Poesie der dänischen Lyrikerin Inger Christensen: „Keiner weiß, trotz allem, ob das Weltall rückwärts zählt, während wir getreulich vorwärts zählen.“