Schriftsteller Karl Ove Knausgård.
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Dass nach dem Riesenerfolg von Knausgårds „Min kamp (Mein Kampf) 1-6“ auch irgendwann sein Debüt von 1998 auf Deutsch erscheinen würde, lag auf der Hand. In diesem Fall aber ist die späte Übersetzung mehr als gerechtfertigt, sie war unumgänglich.

Auch dieser Roman hat viele autobiografische Elemente: die Provinzschule, die Gegend um Kristiansand im Süden, das Porträt vor allem des Vaters – das alles ist dem vertraut, der „Min kamp“ gelesen hat. Das Hauptthema aber und Auslöser der ganzen Gedanken- und Wortflut ist laut Verfasser erfunden. Der Held Henrik Vankel, 26 Jahre und Vertretungslehrer in einem kleinen Ort bei Tromsø in hohen Norden, verliebt sich in eine seiner Schülerinnen. Damit nicht genug – die kleine Miriam ist erst 13. In Schweden, das bei der Coronaabwehr angenehm liberal sein konnte, in Sachen politischer Korrektheit aber keinen Spaß versteht, verursachte das Buch einen Aufschrei. Leider ist der Kunst mit Empörung nicht gedient.

Nabokov beschreibt, Knausgård seziert

Der Vergleich mit Nabokovs Roman „Lolita“ liegt nahe. Aber Nabokov konzentriert sich vor allem auf die Person Humbert Humbert. Knausgård dagegen schildert auch das ganze Drumherum, nach wenigen Worten dieser monströsen 900 Seiten sind wir mitten in einem chaotischen Ambiente mit eigener Ordnung. Vor allem aber ist der Knausgård jemand, der sich nicht nur in seinen Ich-Erzähler, sondern in die Menschen an sich einfühlen kann, seine Vorstellungskraft nährt sich aus seiner Analysefähigkeit. Nabokov ist besessen von einem Besessenen, Knausgård seziert ihn, er seziert die Seele und die Gefühle. Und mit Miriam beobachtet und durchschaut er auch die Jungen und Mädchen in ihrer Klasse. Sie haben einen Reiz, der nicht unbedingt sexuell ist. Sie stehen auf der Grenze zwischen gelöstem freien Spiel und überlegenem Darüberstehen. Und wenn sie sich davon freimachen und spielen wie die zwei Jahre jüngeren Kameraden, ist es für sie wie eine Erlösung.

Schon in seinem Debüt offenbart Knausgård sein ganzes Können: Er nimmt selbstverständliche Dinge wie Schlafen, Lesen, Spielen für nicht selbstverständlich und untersucht sie, wendet sie hin und her, ohne sie doch nie ganz enthüllen zu können, weil sie ihr Geheimnis nie preisgeben. Aber er versucht es so sorgfältig wie möglich: „Genauigkeit ist essenziell, wenn man über etwas so Ungenaues wie eine Empfindung spricht.“

„Aus der Welt“ ist die Geschichte eines abgehobenen Individuums, das sich im Zentrum sieht, intelligenter als die anderen, anmaßend. Wirklich? Macht er sich nicht einfach Gedanken, wie die Menschen funktionieren? Was in ihnen vorgeht? Sich selbst nimmt er dabei nicht aus. Er beobachtet sich sehr genau. Es entgeht ihm nichts. Und er erkennt: Er ist hilflos, scheu, kleinlich, missgünstig, berechnend, wehleidig. Voller Komplexe. Und ja, er schämt sich.

Dieses seelische Auf und Ab durchzieht den ganzen Roman. Nachdem er mit Miriam im Bett gewesen ist – aber kommt es wirklich zum Akt? –, ist er mal „trunken vor Glück“, mal „voller Verachtung“ für sich selbst. Das klingt billig, selbstgerecht, banal. Aber hier ist schon ausgereift, was Knausgårds ganzes Werk bis heute prägt: Das scheinbar Unwichtige gehört dazu. Er erzählt es so packend, dass es nicht mehr unwichtig ist. Es ist wichtig an sich.

Kant ist Arzt hier, Leonardo Politiker

Dazu gehört die breite Geschichte über die Liebe und das Scheitern der Eltern vor allem durch einen selbstgerechten Vater. Sie begründet die Macht und die Hilflosigkeit dieses jungen, noch nicht in Routine erstarrten Lehrers. Über da Vinci sagt er: „Alles will er beschreiben, alles will er wissen. Das ist Leonardo.“ Kurz vorher beschrieb Knausgård in Gestalt seines Ich-Erzählers die „Stürme des Geistes“ und fragt: „Warum geschah, was geschah. Warum sagtest du, was du sagtest.“ Alles will er wissen, wie Leonardo da Vinci.

Das Alles-wissen-Wollen verfolgt ihn bis in einen absurden, surrealen Traum am Ende, in dem er mit einer schwangeren Frau (Miriam?) lebt, der der Alltag über den Kopf wächst, und er in einem Lexikon liest, in dem die bekannten Namen der Geschichte ein völlig anderes Schicksal haben: Kant ist Arzt, Diesel ist Expressionist, Leonardo autoritärer Politiker. „Aus der Welt“ ist ein Roman, der völlig aus dem Ruder läuft, ein Exzess, ein ALLES. Schon in diesem Debüt legt sich Knausgård keine Zügel an, es ist undiszipliniert, anmaßend. Es ist ein Monstrum. Überwältigend gut.

Karl Ove Knausgård: Aus der Welt. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand Verlag, München 2020. 926 S., 26 Euro.

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