Es hat lange gedauert, bis uns Karl Ove Knausgårds sechster und letzter Band seines autobiografischen Projekts „Min Kamp“ erreichte. Das Original erschien 2011 (im selben Jahr wie bei uns der erste Band „Sterben“). Es hat aber auch lange gedauert, bis er selber den dicken Abschlussband beendet hatte. Die ersten fünf Bände schrieb der norwegische Autor wie im Rausch, bis zu zehn Seiten am Tag, für den sechsten brauchte er dreieinhalb Jahre.

Ende der Romantik

Das hatte seine Gründe. Familie und Bekannte protestierten, auch die erste Ehefrau, Tonje, und die zweite, Linda, eine Schwedin. Tonje sieht Ehe-Intimitäten verraten, Linda (von der Knausgård mittlerweile auch geschieden ist) bedauert ein Ende der Romantik und lässt sich hinter Karl Oves Rücken zeitweilig in die Malmöer Psychiatrie einweisen.

Aber am rabiatesten ist der Bruder seines alkoholsüchtigen Vaters, Onkel Gunnar: Er will gerichtlich gegen ihn vorgehen. An Karl Oves Mutter schreibt er eine Mail mit wilden Vorwürfen: „Mutters Schuld an Vaters Untergang sei ganz offensichtlich für alle. (…) Schließlich forderte er sie auf, mich dazu zu bringen, dieses Projekt zu stoppen, und bot mir an, mir einen Platz in einer psychiatrischen Anstalt zu besorgen.“

In dieser Zeit muss Knausgård zu dem Entschluss gekommen sein, nach „Min kamp“ mit dem Schreiben aufzuhören. Im ganzen sechsten Band ist noch von Romanprojekten die Rede, doch dann steht am Ende, es sind die allerletzten Worte: „Danach (…) werde ich den Gedanken genießen, wirklich genießen, dass ich kein Schriftsteller mehr bin.“

Hat Knausgård uns getäuscht? 

Es ist ein bisschen seltsam, dass wir dieses Buch mit diesem Schlusssatz nun brandneu in Händen halten. Dabei ist der Satz fast sechs Jahre alt. Knausgård hat seinen Entschluss rückgängig gemacht. Er hat einen Jahreszeitenzyklus für seine anfangs ungeborene Tochter geschrieben, bei Luchterhand stehen zwei Bände schon in der Herbstvorschau.

Hat Knausgård uns damals getäuscht? Hat er sich selbst getäuscht? Wahrscheinlich führen diese Fragen in die Irre, denn so, wie er die Geschichte allgemein betrachtet, nämlich nicht retrospektiv, sondern sozusagen prospektiv, muss auch sein Projekt betrachtet werden. In jenem Augenblick hat er so und nicht anders gedacht: Er will das Schreiben hinter sich lassen wie die mit Plunder übersäte Dachwohnung in Malmö und sich nur noch um die Familie, das neue Haus und den Garten in Glemmingebro kümmern und es „wirklich genießen“.

Knausgårds Mammutprojekt ist als autobiografischer Roman nicht neu, großartig aber ist die Zügellosigkeit seines Denkens, eine regelrechte (fast eher regellose) Gedankenflut. Unerschrocken, radikal und rücksichtslos, auch gegen sich selbst, schildert er die Bandbreite des Lebens und seiner Daseinsformen. Das hat so noch keiner getan. Die Kunstfertigkeit interessiert ihn dabei nicht. Vielleicht mit Ausnahme der Naturbeschreibungen und der essayistischen Passagen sind seine Sätze nicht außergewöhnlich, das wollte er ja auch nicht.

Wir betreten ein anderes Leben – nicht wie einen heiligen Raum, wie eine Kathedrale, sondern eher wie Räume in einem Museum, in denen wir Bilder sehen und wirklich sehen, neu sehen, von denen wir uns beeindrucken lassen, deren Seele wir spüren, deren Stimmung, so dass sie uns unmittelbar ansprechen. Ob wir da etwas von uns selbst sehen und wiedererkennen oder etwas Fremdes entdecken, ist egal. Sein Roman ist der Ort, an dem er ganz er selbst ist und trotzdem universell.

Trotz der programmatischen Kunstlosigkeit ist die Reihenfolge und der Stil seiner Geschichten und einzelnen Passagen nicht beliebig. Seine Dramaturgie und Konstruktion sind wohldurchdacht. Er beginnt den ersten Band mit dem Tod allgemein und den Prozessen, die er im menschlichen Körper auslöst, und beendet ihn mit dem konkreten Tod eines Menschen: seines Vaters. Ohne den Tod dieses Vaters wäre das Projekt nie zustande gekommen.

Eine höhere Wahrheit

Real ist bei ihm nicht die nachgeahmte Wirklichkeit, sondern die einzelne Person. Das heißt nicht, dass die Handlungen erfunden wurden, um eine höhere Wahrheit zu erschaffen, sondern dass die wie auch immer gearteten Handlungen geschildert wurden, um ihnen Sinn zu geben und sie auf eine höhere Ebene zu heben und dadurch real zu machen.

Plötzlich waren sowohl das penible Aufräumen des großmütterlichen Hauses nach dem erbärmlichen Säufertod des Vaters als auch das mittlerweile totzitierte Windelwechseln sowie das Nachdenken über das Wesen des Lebens und des Menschen (auch die Reflexion ist eine Handlung) gleichermaßen wichtig. Denn alle Elemente haben ihre Rolle und können nicht mehr voneinander getrennt werden; plötzlich waren sie nicht mehr ephemer, irrelevant, sondern reale Bausteine des realen Lebens. Und damit kam auch die Einsicht, dass „alles mit allem zusammenhing“ – sinngemäß sagt er das in seinem Projekt an mehreren Stellen.

Ein Romanmonstrum wie bei Proust

In einem seiner früheren Bände nennt Knausgård seine Lieblingsautorenf, Jack Kerouac ist einer von ihnen. Die Verwandtschaft zu Kerouacs „Unterwegs“ ist tatsächlich erstaunlich. Am Ende listet Kerouac 30 Hilfsmittel für eine „moderne Prosa“ auf („On the Road“ erschien 1955) – Knausgård hat viele übernommen. „Schreibe, was aus den Tiefen deines Innern aufsteigt!“ oder „Mach es wie Proust: Gehe mit dem Schatz deiner Erfahrungen und Erinnerungen hausieren.“

Apropos: Knausgård betont unentwegt, was für ein schlechtes Gedächtnis er habe. Das erinnert tatsächlich an die Proust’sche Erinnerung, die die Vergangenheit nicht bloß hervorkramt, sondern neu sieht; Proust schöpft seine Welt aus einer „tiefen, dem Willen unzugänglichen Quelle“, wie Dieter Wellershoff es nannte. Diese unwillkürliche Erinnerung hat eine Voraussetzung: das Vergessen. Durch das Vergessen wird das Gedächtnis zu einem Instrument der Entdeckung. Eine zeitliche Reihenfolge kann dabei nicht eingehalten werden.

„Min Kamp 1-6“ zählt zu einer Untergattung des Romans, es ist ein Romanmonstrum – wie „Tristram Shandy“, „Don Quichotte“, „Ulysses“, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Romanmonstren sind ziemlich lang, ausschweifend, regellos und rücksichtslos. Dazu gehört auch eine Besonderheit des sechsten Bandes. „Kämpfen“ hat drei große Teile: Eins und Zwei sowie einen Mittelteil.

Dass der Mittelteil eine Überschrift trägt, „Der Name und die Zahl“, ist für Knausgårds Projekt so ungewöhnlich, dass er, übersetzt von Paul Berf (Teile 1 und 2 von Ulrich Sonnenberg), eine eigene Betrachtung verdient hätte – nicht nur, weil er allein 500 Seiten lang ist. Er beginnt mit einer tiefgehenden und belesenen (was nicht mit Namedropping zu verwechseln ist) Untersuchung der Bedeutung von Namen, setzt sich ausführlich mit Paul Celans Gedichten auseinander, mit dem „Zuhause des Du“ in ihnen, und kommt über die Judenvernichtung zum „einzigen absoluten Tabu in der Literatur“: Adolf Hitlers „Mein Kampf“.

Bloß keine Gedankenverbote

Um das Buch zu verstehen, schildert er Hitlers Jugend und berührt dabei eine zentrale Problematik der Geschichtsschreibung. Er versucht nämlich, Hitler ausschließlich in seiner Zeit zu verstehen, das heißt, er blendet das Kommende aus; er sieht die Vergangenheit mit ihren eigenen Prämissen. Daher auch seine Kritik an Ian Kershaws bekannter Hitler-Biografie, in der Kershaw schon im Jugendlichen Adolf den „schmarotzenden Faulenzer“, den arbeitsscheuen Bohemien sieht. Für Knausgård sind diese Vorwürfe nicht nur „kleinbürgerlich“, sondern auch ungeeignet, um Hitler und seine Taten verstehen zu können.

Wenn Knausgård etwas hasst, dann das Gedankenverbot, egal zu welchem Thema; das ist ihm nicht hoch genug anzurechnen. Allein diese Tatsache macht sein sechsbändiges Romanprojekt zu einem einzigartigen Werk unseres neuen Jahrhunderts. Es ist ein Meilenstein, nichts weniger.