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BerlinEs ist ein ungewöhnlich heftiger Regelverstoß. In der Richtlinie 4.2 mahnt der Pressekodex zu „besonderer Zurückhaltung“ bei der Recherche „gegenüber schutzbedürftigen Personen“. Zu diesem Personenkreis gehören „Kinder und Jugendliche“, aber auch Menschen, die „einer seelischen Extremsituation ausgesetzt sind“.

Der elfjährige Junge, der die Familientragödie von Solingen überlebt hat, ist also gleich in zweifacher Hinsicht eine „schutzbedürftige Person“. Er ist ein Kind und er befindet sich in einer „seelischen Extremsituation“. Schließlich hat er gerade seine fünf Geschwister verloren.

Bei RTL kommen alte „Bild“-Reflexe durch

Wenn Bild und RTL, zwei der reichweitenstärksten deutschen Medien, dennoch aus WhatsApp-Nachrichten des Jungen zitieren, in denen er einem Freund über das Drama berichtet, ist das eine schwere Grenzverletzung. Dass der zwölfjährige Freund unverpixelt abgebildet wurde, macht die Sache noch schlimmer. Es ist allerdings nicht so, dass man „Bild“ einen solchen Regelverstoß nicht zutrauen würde. „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt, dessen Grenzverletzungen von Springer-Chef Mathias Döpfner regelmäßig gedeckt werden, hat schon lange keinen Ruf mehr zu verlieren.

Doch dass RTL hier mitmacht, erstaunt – zumindest auf den ersten Blick. Schaut man genauer hin, stellt man fest, dass „Bild“ und RTL sich online einen harten Kampf um die Vormachtstellung auf dem deutschen Boulevard liefern. Das journalistische Personal des Senders, mit der einstigen „Bild“-Chefredakteurin Tanit Koch an der Spitze, kommt zu großen Teilen von Springers Boulevardblatt. Und obwohl RTL für sich in Anspruch nimmt, digital vor allem eine weibliche Zielgruppe anzusprechen, mithin etwas weicher zu berichten, gehen bei einer Tragödie wie der von Solingen bei den Journalisten des Senders offenbar die alten „Bild“-Reflexe durch.

Doch im digitalen Zeitalter kommt man mit so einer Berichterstattung nicht ganz so einfach durch wie noch im analogen: Auf Twitter brach deswegen ein regelrechter Shitstorm los, der sich insbesondere gegen „Bild“ richtete. Inzwischen steht das unverpixelte Bild des zwölfjährigen Freundes nicht mehr auf Bild.de. Der Bericht über die WhatsApp-Nachrichten wurde verändert. Nach Angaben eines Springer-Sprechers hat das aber nichts mit dem Shitstorm zu tun. Er äußert sein Bedauern und gibt an, „Bild“ habe Teile des nun zurückgezogenen Berichts von RTL „übernommen“.

Auch der ursprüngliche RTL-Bericht ist nicht mehr zu finden. Ein Sendersprecher teilt mit, sein Haus bedauere, „dass in einer ersten Fassung direkt aus einer Text-Nachricht des Jungen zitiert wurde“.

Für „Bild“ dürfte die Grenzverletzung Folgen haben. Beim Presserat, der über die Einhaltung des Pressekodex wacht, gingen bereits am Samstag 50 Beschwerden wegen des Berichts ein. Um eine öffentliche Rüge dürfte das Boulevardblatt kaum herumkommen. Anders liegen die Dinge im Fall von RTL: Da es sich bei dem Kölner Privatsender um einen TV-Kanal und nicht um einen Presseverlag handelt, ist der Presserat für ihn nicht zuständig.