Mädchen irgendwo in den USA, wo auch die Heldinnen von Kate DiCalmillo und Allan Stratton leben.
Foto:  Imago mages/Amber Johnson

Verzeihen, schreibt Svenja Flaßpöhler in ihrem gleichnamigen Buch, kommt im Gegensatz zur „Vergebung“ recht alltäglich daher. „Verzeihung“ sagen wir, wenn wir jemandem auf den Fuß treten, und der andere tut uns den Gefallen. Dass Verzeihen eine ungeheuer schwere Aufgabe sein kann, davon erzählen zwei neue Kinderbücher.

„Und so geschah es, dass ich mich am Ende vor einem rosa Haus befand, das wie Kuchen roch, und über das Verzeihen nachdachte.“ Um an diesen Punkt zu gelangen, muss Lousiana erst von Florida nach Georgia fahren, die Bekanntschaft mit einem Jungen namens Burke Allen, einer Krähe namens Clarence und einem Hund mit dem Namen Ernest machen. Sie fährt nicht freiwillig. Ihre Granny packt sie mitten in der Nacht ins Auto. Die Begründung: „Wir haben eine Verabredung mit dem Schicksal.“ Lousiana erfährt nicht nur, dass sie ein Findelkind ist, auch ihre Granny verlässt sie. Sie wurde verraten von dem Menschen, den sie am meisten liebt. Sie weiß von jetzt auf gleich nicht mehr, woher sie stammt. Vor dem tiefen Fall retten Lousianna ihre Neugier, ihre Fantasie und Burke Allen: „Er war der Typ Mensch, der dir zwei Brote macht, wenn du ihn um eins bittest.“ Kate DiCamillos Roman „Lousianas Weg nach Hause“ berührt. 

Allan Stratton dagegen lässt seine Heldin Zoe so richtig wüten – zumindest gegen ihre Eltern, die ihr das Liebste nehmen wollen: ihre Granny. Grace ist zunehmend verwirrt, die Demenz hängt wie eine schwarze Wolke über der Familie. Als die Eltern sie in ein Heim bringen, büxt Zoe mit der Oma nach Atlanta aus. Dort erhofft sie sich Hilfe von Onkel Teddi, der die Familie einst verließ. Ein Gestrüpp aus Schuld und Schweigen tut sich auf, in dem alle ihre Rolle spielen. Es gehört zu den Qualitäten des Romans, dass der Leser nie im Zweifel über die Not der Erwachsenen gelassen wird. Dass Zoes Eltern gute Gründe haben, Grace in ein Heim zu geben, erzählt Stratton in zwei Sätzen: „Teddi stellt sich noch einmal vor. Für Granny ist die Begegnung und die Versöhnung neu.“ Alles, was am Vortag geschah, hat die alte Dame vergessen.

Am Ende weiß die wütende Zoe, die so hingebungsvoll die Sorge für ihre Granny übernimmt: Verzeihen ist kein bisschen leichter als Vergeben. Aber es ist möglich.

Kate DiCamillo: Lousianas Weg nach Hause. Deutsch von Sabine Ludwig. dtv junior, München 2020. 208 S., 12,95 Euro. Ab 9 Jahren.

Alan Stratton: Zoe, Grace und der Weg zurück nach Hause. Aus dem Englischen von Manuela Knetsch. Hanser, München 2020. 256 S., 16 Euro. Ab 12 Jahren.