Katharina Grosse: It Wasn’t Us – Ausstellungsansicht Hamburger Bahnhof in der historischen Halle.

Foto/Courtesy: König Galerie/Gagosian/Galerie nächst St. Stephan/VG Bild-Kunst, 2020/Jens Ziehe

Berlin- Beim Eintritt in die historische Halle des Hamburger Bahnhof wird klar, wieso Katharina Grosse in der internationalen Kunstszene auch „Katharina die Große“ heißt. Als solche nämlich nimmt sie sich alle Freiheit. Die Malerin, um die sich seit Jahren Museen und Biennalen reißen, malt völlig entgrenzt, losgelöst, befreit von allen Konventionen. „Ich male mich aus dem Raum hinaus“, sagt sie. Grosses leuchtender Farbfluss ist rahmen- und uferlos; er beschreibt das Vergehen der Zeit, Freude und Trauer, Angst und Glück.

In diesem bunten Fluss der Gefühle, Stimmungen und Assoziationen macht Katharina Grosse uns, das Publikum, zu Mitspielern in einer großen Aufführung über die Wirkmacht der Bildkunst, über den Puls von Farbe und Form. Auf dem Museumsboden und draußen, außerhalb der gründerzeitlichen einstigen Bahnhofshalle, bis hin zu den ebenfalls bemalten Fassaden der Rieckhallen, laufe ich auf dem gesamten Areal im Energiefeld einer Palette aus Spektral- und Mischfarben. Alles verläuft ineinander, verschlingt sich, und strudelt zu einem universalen Zeichen. Ein kritisches Statement? Ich glaube, ja. Die Hallen, in denen die Flick-Collection gezeigt wird, sollen nach dem Willen des  Besitzers und Vermieters CA Immo nach 2022 abgerissen werden, weil der Investor an der Stelle Eigentumswohnungen bauen will.

Grosse, geboren 1961 in Freiburg im Breisgau, aufgewachsen in Bochum und ausgebildet an den Kunstakademien Münster und Düsseldorf, bringt gleichsam die Farbenlehren zur Wirkung. Wer könnte da widerstehen: Ich laufe hinein und wie durch eine magnetische Landschaft, die zur einer bizarr bunten Skulptur wird. Diese lässt an auskragende Felsformationen, an Höhlen und Klippen denken; irgendwie auch an berstende Eisberge, auf die das Polarlicht alle Farben dieser Welt wirft. 

Oder an einen riesigen Vogel. Von der Seite her gesehen, gleichen die bemalten Polystyrol-Aufbauten einem riesigen, mystischen Wesen. Es scheint in den Raum gesprungen zu sein, sprengt ihn förmlich mit seiner Polychromie, schneidet und reißt ihn auf. Das zerklüftete Gebilde wird zum Sinnbild von Erschaffung und Zerstörung. Ein schrilles Gegenbild zur deutschen Romantik. Und auf dem Boden vermeint man die farbigen Aufprall- oder Rutschspuren des faszinierenden Ungetüms zu sehen.

Katharina Grosse: It Wasn’t Us – Ausstellungsansicht Hamburger Bahnhof, Außenbereich hinter der historischen Halle.
Foto/Courtesy: König Galerie/Gagosian/Galerie nächst St. Stephan/VG Bild-Kunst, 2020/Jens Ziehe

Das alles ist aber nicht etwa bloß ein Gewaltakt, auch wenn da und dort in den Rillen und Furchen aggressive Schnittspuren zu entdecken sind. Im Ganzen bringt dieses Opus Magnum der Malerei eine poetische Schönheit hervor, die fast kindliche Euphorie auslöst– das Gefühl, auf einer abenteuerlichen Exkursion zu sein und dabei in Farbe zu baden.

Doch keine Sorge, alle Farben, die Grosse nach dem enormen, geradezu bildhauerischen Kraftakt der Kunststoffbearbeitung aufgetragen hat, sind längst getrocknet. Die skulpturenartigen Bildträger formte die Künstlerin in ihrem Berliner Fabrikatelier in mehreren kräfteraubenden Arbeitsschritten und durch etliche Skalierungen. Die zunächst maschinell gefrästen Teile hat sie tagelang von Hand nachgeschnitten, dann durch 3D-Scans erfasst, um so das nächste Teil zu fertigen.

In der Museumshalle verpasste Grosse den Kunststoffobjekten dann mithilfe eines heißen Drahtes die rabiaten Einkerbungen, Furchen, Rillen und Höhlen. Zuletzt brachte sie die Farben mit einer kompressorgetriebenen Spritzpistole auf, ein abermaliger Kraftakt mit ganzem Körpereinsatz. Zum Schluss überzog sie den ganzen bunt besprühten Fußboden der Halle und die Steinplatten und Wege draußen mit einer Art Firnis. So kann das Publikum bedenkenlos mit Straßenschuhen über die ineinander verlaufenden Farbstrudel und Farbbahnen laufen. Der Verschleiß ist gewollt, und am Ende der Schau wird alles wieder – ökologisch mit heißem Wasser – abgewaschen. Katharina Grosse will ihre kaleidoskopische Malerei genau so haben: materiell, spirituell – und flüchtig. Bleiben wird am Ende in den Köpfen der Betrachter nur die Erinnerung. Und natürlich Fotos, Filme. Vielleicht ein Bilderbuch.

Katharina Grosse: It Wasn't Us – Ausstellungsansicht Hamburger Bahnhof, Außenbereich mit demonstrativer Bemalung der Rieckhallen, die der Vermieter abreißen lassen will. 
Foto/Courtesy: König Galerie/Gagosian/Galerie nächst St. Stephan/VG Bild-Kunst, 2020/Jens Ziehe

Es gibt kein Innen und kein Außen mehr in diesem multidimensionalen Mal-Raum mit dem Titel „It Wasn’t Us“. Alles ist Decke und Boden, Objekt und Gebäude zugleich, vertikal und horizontal, ist real – und zugleich Imagination. Denn die Wirklichkeit geht in dieser Malerei völlig auf. Vor zwanzig Jahren hatte Katharina Grosse ihren eigenwilligen Malweg am gleichen Ort, in der historischen Halle des Hamburger Bahnhof, angedeutet. Sie gehörte damals zu den Kandidaten für den erstmals ausgeschriebenen Preis der Nationalgalerie für junge Kunst. Sie hatte riesige rahmenlose Leinwände voller fließender abstrakter Farbbahnen aufgespannt. Damals gewann ein Kollege.

Nun, 2020, schließt sich der Kreis. Solche Malerei kennt keine Ismen, keine ideologischen Raster und keine stilistischen Schubladen. Es ist die maximale Freiheit der Kunst. Malerei – die klassische, aber unzählige Male totgesagte Königsdisziplin der Bildkunst – wird bei Katharina Grosse zur überwältigenden Zumutung.


Hamburger Bahnhof, Haus der Nationalgalerie, Invalidenstr. 50/51. Vom 14. Juni 2020 bis 10. Januar 2021, Katalog (Hatje Cantz) 44 Euro. Kuratoren: Udo Kittelmann/Gabriele Knappstein. Di-Fr 10-18/Sa+So 11­-18 Uhr, Besuch derzeit mit Zeitfenstertickets: www.smb.museum/tickets