St. Hedwig, die zwischen 1955 und 1963 nach Plänen von Hans Schwippert wiederaufgebaute Kathedrale des Bistums Berlin, soll umgebaut werden. Vor allem die von Schwippert in den Boden eingelassene Öffnung zwischen dem überkuppelten Hauptraum und der Unterkirche mit ihrem Kapellenkranz soll geschlossen werden, damit die Gemeinde näherrücken und sich um den zelebrierenden Priester versammeln kann. Das wünschen Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki, Domkapitulare und durchaus auch Gemeindemitglieder.

Die Denkmalpflege und der Berliner Landesdenkmalrat dagegen haben schon im Vorlauf des Wettbewerbs Einspruch erhoben. Fachleute protestieren gegen den möglichen Verlust dieses einzigartigen Werks der gesamtdeutschen Nachkriegsarchitektur (siehe Berliner Zeitung vom 27. 6.), denn Schwippert hat auch den Bonner Bundestag entworfen. Auch aus den Gemeinden Berlins hört man ersten Widerspruch: Passt ein solcher Großumbau zu einer armen Kirche, die Papst Franziskus predigt, insbesondere zu einer Berliner Kirche, die vor kaum zehn Jahren faktisch unter Finanzkuratel gestellt worden war, weil sie fast bankrott war?

Trotzdem wurden 169 Arbeiten zum Wettbewerb eingereicht, 15 für die zweite Runde ausgewählt. Gewonnen hat das Fuldaer Büro Sichau & Walter. Es ist erfahren in Kirchenbaufragen und kennt die Formeln, um kirchliche Würdenträger zu überzeugen, etwa mit der Idee, dass von dem neuen Taufsaal mit Ganzkörper-Taufe anstelle der bisherigen Unterkirche bis zum Oberlicht in der Kuppel eine „Kraft“ herrsche, die Architektur der Liturgie diene, der „Geist“ des Entwurfs von Hans Schwippert bewahrt werde.

Sichau & Walter schließen wie von der Kirchenhierarchie gewünscht den Boden der Hauptkirche; nur die wenigsten Architekten haben gewagt, sich diesem Anliegen zu widersetzen, sie wurden systematisch ausjuriert. Im Hauptraum sollen die Gemeindemitglieder künftig im Kreis sitzen, rund um den Altar herum, als „Communio“. Das Lesepult wird an den Rand geschoben, damit alle gut sehen und hören können (unter Kuppeln herrscht eine fatale Akustik). In der Sakristei soll eine Sakramentskapelle entstehen – eine Idee, die selbst der am Entwurf beteiligte Bildhauer Leo Zugmeyer nur bedingt gut findet. Aber die Kapelle für den Seeligen Bernhard Lichtenberg und die gefältelte Decke der Unterkirche versprechen interessant zu werden.

Schwippert wird geopfert

Von Hans Schwipperts origineller Raumlösung allerdings und ihrer Farbigkeit bleibt so gut wie nichts übrig außer den Kernelementen: die Wandschale mit den hohen Bogenfenstern, die Säulen und die Kuppel. Sie sollen aber nun weiß gestrichen, die Glasfenstermuster gegen mattweiße Scheiben ausgewechselt, die in den 1970ern expressiv eingefügte Orgel „beruhigt“ werden – womit ihr exotischer Reiz zerstört würde.

Auffällig ist bei vielen Arbeiten – wie auch beim Preisträger – die Lust an ästhetischer Askese. Kaum einmal dass Architekten wie Ruf & Partner (ein dritter Preis) die Wände in barocken Schwung versetzen wollen. Auch hier „bedauert“ die Berliner Denkmalpflege – in der Jury vertreten mit Landeskonservator Jörg Haspel und Senatsbaudirektorin Regula Lüscher –, dass „keine“ der eingereichten Arbeiten eine denkmalgerechte Lösung sei. Die butterweiche Formulierung verführte schon jetzt dazu, dass Kirchenvertreter behaupteten, die Denkmalpflege habe dem Entwurf zugestimmt. Es droht ein Desaster wie beim Pergamonmuseum, das letztlich dazu führt, dass die Denkmalpflege scheibchenweise Positionen räumen muss, statt klar ihre Position zu markieren: Der ausgewählte Entwurf kann, wenn irgendeine Systematik eingehalten werden soll, unmöglich genehmigt werden.

Außerdem: Es gab denkmalverträglichere Lösungen, aber sie waren in der Jury und deren Fixierung auf die Behauptung, nur ein geschlossener Boden erlaube die korrekte Abhaltung der Liturgie, nicht durchsetzbar. Etwa der Entwurf des Münchner Architekten Muck Petzet. Er ist offenbar einer der wenigen Architekten gewesen – eine Generationsfrage? – die mit der zarten Ästhetik Schwipperts, mit seinem Changieren zwischen Kühle und dekorativem Kunstgewerbe etwa an Lampen oder Glasbrüstungen, etwas anzufangen wissen. Immerhin: Auch im Modell der Preisträger sind einige der Hängeleuchten zu sehen.

Sichau & Walters Gedanke der „Communio“, die sich im Kreis um den Altar versammelt, ist spätestens seit den 1960ern gut bekannt. Und seither weiß man auch um die praktischen Probleme: Der Kreis der Gläubigen wird sehr weit auseinandergezogen, der Priester hat beim Zelebrieren einen Teil der Gemeinde hinter sich, Prozessionen können nicht geradeaus gehen. Wieso dieser Entwurf den liturgischen Zielen des Umbaus, die Gemeinde näher zusammenzuführen und den Altardienst zu erleichtern, dient, ist das Geheimnis der Jury. Es dürfte kein Zufall sein, dass beide dritte Preise – neben Ruf & Partner noch o5 Architekten Raab, Hafke Lang – an Arbeiten gingen, die den Altar und den Bischofssitz dezentral positionieren, die Gemeinde konventionell in Halbkreisen davor.

Wer zahlt? Keine Antwort

Nun steht das Bistum Berlin finanziell etwa so gut da wie die Hauptstadt insgesamt. Es werden Gemeinden zusammengelegt und Kirchbauten verkauft, manche sogar, wie St. Raphael in Gatow – das letzte Werk des bedeutendsten deutschen Kirchenarchitekten Rudolf Schwarz – auf Abbruch. Eine sparsame Lösung böte sich also an. Domprobst Ronald Rother ist dennoch zuversichtlich, dass die Gläubigen in der Bundesrepublik spenden werden, hofft auch auf Hilfe des Bundes und des Landes Berlin, gar auf Denkmalschutzmittel. Auf die Nachfrage der Berliner Zeitung, was denn das Projekt kosten dürfe, sagte Rother, dass „man“ die Summen noch nicht öffentlich debattieren wolle. Wirklich fest stünden diese erst, wenn das Projekt der Architekten ausgearbeitet sei. Auch auf die Nachfrage, wie viel denn für die ursprünglich geplante Innenraumsanierung bereit gestellt wurde, antwortete er nicht.

Alternativ zum jetzt gewählten Groß-Umbau wäre auch eine kleine Lösung möglich gewesen, ein Wettbewerb nur für die Gestaltung der Unterkirche und ihres Kapellenkranzes zu einem neuen Raum für die Alltagsgottesdienste und Taufen. Darüber aber wurde nach Angaben aus der Kirchenleitung gar nicht erst debattiert. So erscheint Schwipperts Lösung, die übrigens von vorneherein eine Hauptstadtkathedrale war – das Schein-Argument „Hauptstadt“ war immer wieder zu hören – als Anstoß, der heutigen Liturgievorstellungen im Weg steht. Dabei spricht sie von der schuldbeladenen Geschichte der Kirche, von ihren Versuchen, nach dem Krieg neue geistliche und ästhetische Wege zu suchen. Sie ist auch deswegen ein deutsches Denkmal.

Ausstellung: St. Hedwigs-Kathedrale und Bernhard-Lichtenberg-Haus, bis 31. Juli. tägl. von 10–19 Uhr.