Berlin - Im Rahmen einer kleinen Umfrage rufen wir bei Katja Lange-Müller an und kommen am Telefon auf Berlin zu sprechen. Die Stadt, in der sie geboren ist, in der ihre Bücher handeln, vor allem die Romane „Die Letzten“, „Böse Schafe“ und „Drehtür“, macht der Schriftstellerin allerdings nicht gerade gute Laune. Wir verabreden, das Gespräch bei ihr im vierten Stock eines Wohnhauses in Wedding fortzusetzen.

Berliner Zeitung: Wie arbeiten Sie zurzeit?

Katja Lange-Müller: Eigentlich nicht wesentlich anders als vorher. Mit der Einschränkung, einer erheblichen allerdings, dass über mir gerade der Dachboden saniert wird. Größere Stuckelemente fallen herab auf die Bücher, den Schreibtisch, meine Birne. Wenn ich ihn nicht benutze, schütze ich meinen Laptop mit einem Holzkasten.

Es ist also mehr als Staub?

Ich übertreibe nicht! Was da runterkommt, sind richtige Brocken.

Das klingt wie Umbau, nicht nach einer Sanierung.

Erst einmal wird der Dachboden saniert, damit er anschließend ausgebaut werden kann. Und das in einem Haus von 1879. Berlin ist ja berüchtigt – Berlin, das Wort kommt aus dem Wendischen, bedeutet Sumpf, feuchtes Gelände – für den sogenannten Dachstuhlschwamm, also den schwarzen Hauspilz, der Gemäuer und Holz befällt. Den haben wir hier auch.

Der wird jetzt abgekratzt?

Abkratzen reicht da nicht, das Myzel sitzt tiefer. Also werden mit schwerem Gerät Teile aus dem Gebälk gesägt und durch Frischholz ersetzt. Das verursacht Schwingungen wie bei einem Erdbeben der Stärke 8 bis 10. Von dem ohrenbetäubenden Lärm ganz zu schweigen.

Wie können Sie da überhaupt schreiben?

Nachts, wenn die über mir Ruhe geben. Aber da ich sowieso eher nachtaktiv bin, ändert sich nicht viel an meinen Gewohnheiten. Irgendeiner sägt, hämmert oder stemmt ja immer. Darum bin ich zum Nachtwesen mutiert.

Hat Corona Ihr Schreiben beeinflusst?

Meine Arbeit am neuen Manuskript kaum, doch mir sind wie allen anderen sämtliche Einnahmen aus Lesungen und sonstigen Veranstaltungen weggebrochen. Im Oktober gab es immerhin drei Termine, zuletzt ein öffentliches Gespräch mit Alice Schwarzer, aber nun kommen neue Beschränkungen. Die ersten zwei Monate war meine Stimmung schon ziemlich getrübt. Dann habe ich mich mit dem Prinzip Virus beschäftigt. Viren sind noch dümmer als Bakterien, und Dummheit ist immer gefährlich, auch innerhalb der Mikrobiologie. Irgendwann bin ich wieder zur Tagesordnung übergegangen.

Ist der Dachausbau ein gutes Zeichen dafür, wie sich der Wedding entwickelt?

Nein, die Umwandlung in Eigentum schreitet munter voran.

Vor Ihrem Haus lag ein kleiner Müllhaufen aus Plastiktüten und Flaschen, als ich ankam. Ein Mann kam vorbei, stieß seinen Fuß hinein und schimpfte, dass man das alles nicht essen könne. Doch auf dem Weg dachte ich, es sieht ein wenig ordentlicher aus als in meiner Straße in Kreuzberg.

Das kann nur an der hereinbrechenden Dämmerung gelegen haben. Im Hausflur stehen schon wieder drei ausrangierte Gartenstühle. Und wenn man in der Dunkelheit nach Hause kommt, ist es nötig, immer mal nach oben zu schauen, ob nicht gerade ein ausgedienter Kühlschrank aus dem Fenster geworfen wird. Einmal habe ich im letzten Moment zurückspringen können. Aber im Grunde muss man jeden, der seinen ausgedienten Kram auf die Straße stellt, umarmen, denn das Wohnumfeld drückt den Mietspiegel.

Einerseits wird Berlin teurer, andererseits habe ich den Eindruck, Berlin wird immer dreckiger.

Es verwahrlost einfach vor sich hin. Es gibt keine einzige sogenannte Grünanlage ohne Müll, keine Parkbank, an der nicht wenigstens eine Latte fehlt. Und überall diese Löcher im Boden, die mit rot-weiß-gestreiften Girlanden verziert sind, um sie als Baustelle auszuweisen, obwohl du da nie jemanden irgendetwas tun siehst.

Kein seltener Anblick: Ein ausgedientes Schlafsofa steht mitten auf der Straße. 
Foto: imago images

Liegt es an den Berlinern, dass es hier so aussieht?

Jeder, der schon einmal versucht hat, ohne ein Auto seinen Sperrmüll loszuwerden, weiß, dass das bei der BSR mindestens 15 Euro kostet, und die wollen sich die allermeisten Leute hier natürlich ersparen. Denn reich ist kaum einer von denen. Also werden sie ihr Zeug bei Nacht und Nebel entweder gleich über die Brüstung wälzen oder – vier Mann, vier Ecken – vor die Haustür tragen.

Sie sind mit einem Schweizer verheiratet, der im Kanton Aargau lebt. Was sehen Sie dort auf den Straßen?

Das ist jedes Mal ein echter Kulturschock für mich. Da liegt nichts draußen herum, keine Plastiktüte, kein Bonbonpapier, nicht mal eine Kippe. Stattdessen gibt es überall ordentlich mit Folie ausgeschlagene Abfallkübel, an jeder Ecke mindestens zwei. Das ist eben eine Frage der Organisation. Wie es nicht funktioniert, sieht man bei uns an den putzig beschrifteten Eimerlein der Stadtreinigung, die sind entweder so vollgestopft, dass sie überquellen, oder leer, weil der Boden herausgefallen ist. Und wenn unten ein Haufen liegt, packt man gerne noch was dazu. So ist der Mensch. Erkennt er Struktur, lebt er sie nach, und wenn nicht, dann eben nicht.

Ist das für Sie als Schriftstellerin auch interessant?

Nö. Interessant ist nur dieser Hang zur Anarchie. Wir machen es halt so, wie es am bequemsten geht, solange man uns nicht mal mit der Faust droht oder mit einer Strafe. Aber das berührt mich mehr als Bürgerin.

Bei den Corona-Maßnahmen sehen wir jetzt, dass es möglich ist, die Sperrstunde zu kontrollieren. Oder die Einhaltung der Maskenpflicht. Aber der Müll auf der Straße liegt außerhalb der Kontrollen.  

Alles, was der Stadt und ihren Institutionen Einnahmen verschafft, wird kontrolliert. Das, was zum Wohle der Bürger zu geschehen hätte, fällt flach. Das ist schon eine enorme Schieflage. In anderen Regionen ist das ganz einfach geregelt. Da veranstalten sie zweimal im Jahr, zum Teil sogar einmal im Monat, eine Sammelaktion für den Sperrmüll. Die Straßen werden abgefahren und niemand muss seinen Kühlschrank nachts heimlich um die Ecke bringen.

Müssen wir der Verwahrlosung selbst etwas entgegensetzen?

Ich habe das Gefühl, dass sich in Berlin neuerdings so etwas wie Bürgersinn entwickelt. Das hat es in dieser Stadt nie gegeben, weil die meisten, die hierherkamen, nicht vorhatten, zu bleiben. Sie wollten studieren, High Life veranstalten, danach vielleicht ins Umland ziehen. Berlin war immer eine Art Sackbahnhof. Man kam an, um irgendeinen letzten Zug woandershin zu bekommen. Doch inzwischen sind alle letzten Züge weg und die Reisenden haben sich irgendwie auf dem Bahnhof Berlin eingerichtet. Geblieben sind nicht die gut Verdienenden, sondern meistens Menschen mit einem urbanen Verhältnis zur Welt, keine Heimatbesessenen. Früher sind die Berliner oft umgezogen, das geht ja nun nicht mehr. Aus dieser nicht mehr ambulanten, mittlerweile eher stationären Situation entwickelt sich etwas. Da wird die Erde um die Straßenbäume aufgegraben, es werden Geranien gesetzt und mal ein Gartenzwerg dazwischengestellt oder ein Schild mit einer lustigen Aufschrift. Das ist relativ neu. Es entspricht der Tatsache, dass die Stadt als solche ihre Kompetenz komplett an die Bürger abgegeben hat. Und diesen Limited-Gesellschaften, denen die Immobilien hier gehören, kann es auch egal sein. Hauptsache die Rendite stimmt.

Sind Sie noch gern Berlinerin?

Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Bin ich es gerne oder nicht? Ich bin es durch und durch, das stört mich nicht, aber es freut mich auch nicht besonders.

Foto: dpa/Arno Burgi
Zur Person 

Katja Lange-Müller ist eine der bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Sie lebt in Berlin, wo sie auch geboren ist. Sie veröffentlichte zahlreiche Erzählungen und Romane, etwa „Wehleid – wie im Leben“ (1986), „Verfrühte Tierliebe“ (1995), „Die Letzten: Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei“ (2000), „Böse Schafe“ (2007) und „Drehtür“ (2016). Ihr Werk wurde mit wichtigen Preisen ausgezeichnet wie dem Ingeborg-Bachmann-Preis, Alfred-Döblin-, Wilhelm-Raabe- und dem Kleist-Preis. Sie war Stipendiatin der Villa Massimo und der Kulturakademie Tarabaya Istanbul. Lange-Müller ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Akademie der Künste Berlin.

In Ihren Büchern haben viele Figuren gescheiterte Lebensläufe, zuletzt die Krankenschwester in „Drehtür“: Die ist erschöpft und fragt sich, ob sie wirklich etwas erreichen konnte.

Die wollte eigentlich nicht viel erreichen, sie hat bei Care-International ihren Beruf ausgeübt und war irgendwann völlig fertig, auch weil ihre Kollegen sie gemobbt haben. Mit über 60 stellt sie fest, dass das Helfen nicht geholfen hat, am wenigsten ihr selbst. Es gibt sicher nicht viele Menschen, die ihren Beruf wirklich wählen und über Jahre dabeibleiben konnten. Hier im Wedding leben vor allem Arbeitslose und Mindestlohnerwerbstätige, Menschen in sogenannten prekären Verhältnissen.

Hat es für Sie als Schriftstellerin einen Vorteil, dass Sie Ihre Figuren hier sozusagen auf der Straße finden?

Ich nehme einfach wahr, was ist. Natürlich rede ich mit den Leuten, ich bin ja ein Teil dieser Stadt. Alles, was mir an Wirklichkeit in mir in die Literatur gerät, sind kleine Fundstücke. Diese Partikel zu einer Geschichte verdichten, eine Figur damit anreichern, das ist das Handwerk des Schreibens.

Die Akademie der Künste hat kürzlich 60 andere Akademien und Intellektuellenvereinigungen versammelt, um ein Manifest für Europa zu verfassen. Sie wollen dafür wirken, dass die Freiheit des Gedankenaustausches gestärkt wird, gegen nationalistische Bestrebungen. Sollte sich die Akademie der Künste zu Berlin nicht auch mal um Berlin kümmern?

Das wäre mal sehr gut. Man hat um den 30. Jahrestag des Mauerfalls gemerkt, dass da einiges brodelt zwischen Ost und West, dass da Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebens- und Politikerfahrungen aufeinandertreffen. Es war vorgesehen, darüber ernsthaft und offen zu diskutieren, auch darüber, in welcher Stadt sich diese Akademie befindet. Leider sind unsere Pläne durch Corona jäh zum Stillstand gekommen.

Der Blick auf Europa ist ja verdienstvoll …

… und doch besteht Europa aus realen Orten, einer davon ist die Stadt Berlin.

Und die Akademie wirkt nicht in die Stadt hinein.

Sie tut es zu wenig, keine Frage. Die Veranstaltungen finden hier statt, sind aber kaum auf die Stadt bezogen. Eine Ausstellung mit Fotografien von Helga Paris, die viele Berliner fotografiert hat und nicht nur Künstler, war schon ein richtiger Schritt. Aber dabei sollte man es nicht belassen.

Beim Deutschen Theater und dem Maxim Gorki kann man erleben, wie Kultureinrichtungen konkrete Probleme der Stadt aufgreifen. Wären das Vorbilder?

Unsere Stadt ist außerordentlich virulent, und damit meine ich jetzt nicht Sars-Covid-19, doch die Akademie stellt sich eher als ein in sich ruhender Fels dar. Könnte man nicht auch die hier lehrenden Institutionen, die Universitäten und Kunsthochschulen, stärker in die Arbeit der Akademie einbeziehen? Es gibt ja die „Junge Akademie“, doch die betreibt vorrangig ihr interdisziplinäres Artist-in-Residence-Programm, das junge internationale Künstlerinnen und Künstler mit dreimonatigen Aufenthaltsstipendien fördert. Da wäre, konkret auf Berlin bezogen, sicher mehr möglich. Wir, die Mitglieder der Akademie, sollen uns Gedanken machen, wie das ginge. Aber erst einmal muss Corona wieder aus der Welt geschafft werden.