BerlinDer Bayerischen Rundfunk (BR) war schon immer etwas anders als die übrigen ARD-Landesrundfunkanstalten: 1986 klinkten sich die Bajuwaren für kurze Zeit aus dem ARD-Gemeinschaftsprogramm aus, weil ihnen eine Ausgabe von Dieter Hildebrandts Kabarettsendung „Scheibenwischer“ nicht gefiel. 1988 weigerten sich die Hörfunkwellen des BR Udo Jürgens‘ Lied „Gehet hin und vermehret Euch“ zu spielen, weil darin die Haltung der katholischen Kirche zur Empfängnisverhütung kritisiert wird. Und kürzlich entschied der Sender, sich als einzige ARD-Anstalt nicht an der digitalen Kulturplattform des Senderverbundes mit Sitz im sachsen-anhaltischen Halle zu beteiligen. Stattdessen stärkt der BR lieber sein eigenes digitales Kulturangebot.

Solch erratische Beschlüsse fällen in München meist ältere, etwas knorrige Herren, die nicht selten ein Parteibuch der CSU ihr Eigen nennen. Insofern ist die Wahl von Katja Wildermuth zur neuen BR-Intendantin ein Kulturbruch, dessen Tragweite noch gar nicht zu ermessen ist. Und das nicht nur, weil sie nach Dagmar Reim, Patricia Schlesinger (beide RBB), Monika Piel (WDR), Karola Wille (MDR) und Yvette Gerner (Radio Bremen) überhaupt erst die sechste Intendantin in der langen Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland sein wird.

Erstaunlich ist die Wahl der 55-Jährigen, die ihr Amt im Februar 2021 antreten wird, auch deshalb, weil ihr jeder Stallgeruch fehlt. Wildermuth wuchs zwar im bayerischen Anzing auf und studierte an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Doch Karriere in den Medien machte die promovierte Historikerin außerhalb des Freistaats: 1994 wurde sie Autorin und Redakteurin beim vom MDR produzierten ARD-Politmagazin „Fakt“. 2004 übernahm sie bei dem Leipziger Sender die Leitung der Redaktion Geschichte und Gesellschaft, bevor sie 2016 zum NDR wechselte, wo sie den Programmbereich Kultur und Dokumentation verantwortete.

2019 kehrte Wildermuth zum MDR zurück. Sie wurde Programmdirektorin Kultur mit Sitz in Halle. Ironie der Geschichte: In dieser Position wäre sie für die digitale ARD-Kulturplattform verantwortlich gewesen, die ihr Vorgänger in der BR-Intendanz Ulrich Wilhelm so vehement bekämpfte. Die Federführung bei dem Projekt hat der MDR.

Insofern ist die Wahl Wildermuths Wahl auch eine Ohrfeige für Wilhelm. Ganz offenbar ist die Mehrheit der BR-Rundfunkratsmitglieder, die die Intendantin wählte, der Alleingänge ihres Vorgängers überdrüssig.

Zudem war die Zeit in dem von Männern geprägten BR reif für eine Frau an der Senderspitze. Bereits im Juli hatte das senderinterne Frauennetzwerk „Female for Future“ den Rundfunkrat aufgefordert, eine Frau zu wählen. Viel Druck mussten die Damen wohl nicht machen. „Ich würde mich über eine Intendantin freuen“, sagt der BR-Rundfunkratsvorsitzende Lorenz Wolf noch im selben Monat. Im Vorfeld der Wahl wurden ausschließlich Frauen als potenzielle Kandidatinnen gehandelt. Die Namen von SWR-Programmdirektorin Anke Mai, WDR-Programmdirektorin Valerie Weber und Degeto-Chefin Christine Strobl machten die Runde. Und natürlich der von Wildermuth.

Tatsächlich kandidierte dann aber BR-Verwaltungsdirektor Albrecht Frenzel, der – wie es im Sender heißt – als Favorit CSU-naher Kreise im Rundfunkrat galt. Und irgendwie schaffte es auch der Datenchef des Schweizer SRF Christian Vogg auf den Kandidatenzettel. Chancen gegen Wildermuth als einzige weibliche Bewerberin hatten beide nicht: Die MDR-Programmdirektorin erhielt 38 von 48 Stimmen.

Die Aufgabe der neuen Intendantin ist keine leichte. Sie muss den BR wieder zu einem berechenbaren Partner innerhalb der ARD machen und Verkrustungen innerhalb des Senders aufbrechen. Womöglich kann sie dabei von Erfahrungen profitieren, die sie bei ihrem bisherigen Arbeitgeber gesammelt hat: Bis zum Amtsantritt seiner derzeitigen Intendantin Karola Wille 2011 galt auch der MDR als ein wenig aus der Zeit gefallen. Seither hat die Senderchefin die Anstalt nachhaltig modernisiert.