Was für eine lässige Art, mit einer Niederlage umzugehen! Vor wenigen Jahren war Katy J Pearson im Duo mit ihrem Bruder Rob auf dem Weg zu einer soliden Popkarriere unter der Aufsicht einer großen Plattenfirma. Ardyn, wie sie sich nannten, spielten einen harmlos atmosphärischen Indie-Pop und arbeiteten nach ein paar Singles an ihrem Debütalbum. Aber bevor es so weit kommen konnte, verlor Pearson die Lust, sich von älteren Popdesignern ins Songschreiben reinreden zu lassen – und die Firma ließ sie fallen.

Pearson blies jedoch nicht lange Trübsal, zog aus dem heimatlichen Gloucestershire im Südwesten nach Bristol an die Küste und begann die Arbeit an diesem Solodebüt, dessen Fortschritte sie im ablaufenden Jahr schon mit ein paar Vorabsingles dokumentierte. „Return“ erscheint nun ein paar Nummern kleiner beim geschmackvollen britischen Indie-Label Heavenly – was ihre Firmen-Exe vermutlich ärgern wird: Denn die 24-jährige Debütantin überzeugt als überraschend selbstbewusste Sängerin und Songschreiberin, mit hochmelodischen Liedern voller eingängiger Hooks.

Foto: Tyla Johnson
Katy J Pearson spielt entschlossen entstaubten Nouveau-Country.

Überraschend ist dies nicht zuletzt auch, weil sie hier die früheren Synthie-Neigungen fallen lässt (obwohl der Bruder natürlich ein wenig mitspielt) und stattdessen einen entschlossen entstaubten Nouveau-Country spielt. In dessen Welt tanzt man noch nach Musik, wo Herzen gebrochen werden statt Profile weggewischt, wo es Zeit gibt, über die Veränderungen im Leben nachzudenken.

„Return“ klingt nach US-Country-Star Kacey Musgraves

„Return“ klingt daher mehr nach Kacey Musgraves, dem Star des neuen US-Country, als nach britischen Charts. Das liegt auch an der feinen Stimme Pearsons, die glockenhell aus den Stücken klingt, leicht und hoch, aber zugleich klar und mit Luft; wo Musgraves damit aber den Schulterschluss zu traditionellerer Americana sucht, hört man bei Pearson einen stärkeren Drall zum Pop.

Vergleiche mit Fleetwood Mac sind nicht von der Hand zu weisen, und Pearson selbst beruft sich gern auf die soften Klassiker der Siebziger Westcoast: Joni Mitchell, Carole King, James Taylor – und sie hat gerade Jimmy Webbs „Wichita Lineman“ gecovert. Sie verzichtet klugerweise auf die Studiopolitur der Alten, vielleicht auch durch die Mitarbeit von Produzent Ali Chant, der schon die Musik von Künstlern wie PJ Harvey und Perfume Genius auf die jeweils richtige Spur gebracht hat. Dazu spürt man gelegentlich eine gewisse ironische Distanz zu den späthippiesken Vorlagen. Sehr amüsant sieht man sie auch im Musikvideo zur Single „Tonight“. Darin tänzelt sie durch eine karge Findlingslandschaft, gekleidet in ein riskant überzogenes Denim-Ensemble aus knöchelhoher Marlenehose und bestickter Bolerojacke. Das Stück schaukelt locker auf schlicht akzentuierten Gitarrenakkorden, der bevorzugten dynamischen Figur ihrer Songs.

Ein wenig modisch aufgemöbelt wirken nur die powerpoppige Single „Take Back the Radio“ mit insistierendem Keyboard und Bläsersatz sowie die Kopf-hoch-Nummer „Fix Me Up“. Im wehmütigen Titelstück kommt erst spät eine Fiedel zum einsamen Zupfen der Gitarre und als Ausklang schrummt sie auf „Waiting for the Day“ eine weitere Ballade zu Lagerfeuerbegleitung.

Sie arbeitet gewissermaßen mit Primärfarben, mit einer vordergründigen Direktheit, die indes verdeckt, wie sorgfältig sie ihre Songs denkt und wie liebevoll aufgeräumt sie sind. Diese Klarheit spiegelt sich in der selbstsicheren Unbeschwertheit ihres Ausdrucks – und sie verleiht diesem eher kleinen Werk einen überraschend großen Charme.

Katy J Pearson: „Return“ (Pias/ Heavenly/ Rough Trade) erscheint am 13. November