US-Sängerin Katy Perry.
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Berlin„Wenn ich so weitermache, zoome ich noch aus dem Kreißsaal“, scherzt Popstar Katy Perry beim Interview via Zoom aus ihrem Zuhause in Kalifornien und prostet uns mit einem Glas Selleriesaft zu. „Soll ja gesund sein“, meint die 35-Jährige mit leicht verkniffenem Gesicht. Ihre Schwangerschaft ist kein Grund für die Amerikanerin, sich zurückzulehnen. Und obwohl es nicht mehr lange dauert bis zur Geburt ihrer Tochter und der Veröffentlichung ihres fünften Studioalbums „Smile“ am 28. August: Katy Perry ist tiefenentspannt.

Berliner Zeitung: Miss Perry, Sie sind hochschwanger und trotzdem sehr präsent.

Katy Perry: Ich habe so langsam das Gefühl, dass ich die Einzige bin, die sich in Corona-Zeiten voll reinhängt. Viele Künstler verzichten darauf, derzeit Musik rauszubringen. Alles ist im Stillstand. Aber ich gehe in die Offensive und fühle mich jetzt schon wie eine Working Mom.

Die Popwelt wird also auch in Zukunft nicht auf Sie verzichten müssen?

Ich werde mich nie entscheiden zwischen dem Muttersein und meinem Job, den ich liebe. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich wählen muss. Ich sehe etliche erfolgreiche Mütter in Bewegung. Ich bewundere sie, und sie inspirieren mich, selbst so eine Frau zu sein. Beyoncé hat drei Kinder und ist immer noch Beyoncé.

Was wird denn wohl zuerst kommen: Ihr Kind oder Ihr Album?

Es wird ein enges Rennen. Aber ich persönlich glaube, dass meine Tochter spät dran sein wird. Einfach weil ihre Mutter sich auch immer schwer tut mit der Pünktlichkeit.

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Zur Person

Katy Perry kam 1984 im kalifornischen Santa Barbara als Katheryn Elizabeth Hudson zur Welt. Mit Songs wie „I Kissed a Girl“ und „Hot n Cold“ wurde sie weltweit bekannt.

Seit 2011 gehört die Pastorentochter laut Forbes zu den Top-Verdienern unter den Musikerinnen: mit eigener Modelinie, Label und einem Platz in der Jury von „American Idol“.

Perry war in erster Ehe mit dem britischen Komiker Russell Brand verheiratet. Seit 2016 ist sie mit dem britischen Schauspieler Orlando Bloom zusammen. Im März verkündete Perry ihre Schwangerschaft in einem Musikvideo.

Als Sie vor drei Jahren Ihr Album „Witness“ veröffentlichten, haben Sie sich ein Wochenende rund um die Uhr online begleiten lassen: Sie weinten in einer Therapiesession, wünschten sich Mann und Partner an Ihre Seite ...

Beides habe ich nun glücklicherweise. Ich fühle mich sehr viel geerdeter, habe Balance im Leben und Perspektive. Es dreht sich nicht mehr nur um mich oder den nächsten großen Hit von Katy Perry. Ich bin ein vielschichtigerer Mensch geworden, weil ich mich ein Stück weit aus dem Rattenrennen des Musikbusiness ausgeklinkt habe. Wenn ich Lust habe, den Kinderwagen zusammenzubauen, neue Dinge zu lernen oder einfach vor die Tür zu gehen, dann tue ich es.

Wann hat es denn aufgehört, Spaß zu machen?

Das war während der „Witness“-Tour. Alles drehte sich nur um meine Karriere. Ich setzte oft ein falsches Lächeln auf und habe alle geblendet. Denn eigentlich war ich total depressiv. Die letzten zweieinhalb Jahre waren das dunkelste Kapitel meines Lebens. Bei manchen Menschen ahnt man nicht, welche Kämpfe sie mit sich austragen. Denn viele, die depressiv sind, sind sehr gute Schauspieler – das war bei mir nicht anders.

Aber die Geschichte hat ja ein Happy End.

Deshalb habe ich das neue Album „Smile“ getauft. Ich habe über die Arbeit an den Songs mein Lächeln wiedergefunden, und immer, wenn ich zu dieser Platte zurückkehre, soll sie mich daran erinnern, dass ich Krisen meistern kann. Die Lieder handeln von Belastbarkeit und jeder Menge Hoffnung. Viele Menschen gehen gerade durch eine dunkle Zeit. Musik hat mir immer geholfen, besonders als ich aufwuchs. Sie öffnet uns, bringt uns wieder auf die Spur. Das ist es, was diese Platte für mich machte. Mich haben diese Songs geheilt. Und vielleicht können sie das auch für andere Menschen tun.

Das von Fans ersehnte Duett zwischen Ihnen und Taylor Swift gibt es auch diesmal nicht?

Es wird passieren, da bin ich mir sicher. Ich bin so froh, dass wir wieder freundschaftlich verbunden sind. Wir reden, teilen Dinge, vertrauen einander. Ich habe großen Respekt vor den meisten meiner Kolleginnen und will helfen, dass Frauen sich gegenseitig stützen, anstatt sich runterzumachen. Manchmal entscheide ich mich für eine Kollaboration, die etwas abseitig ist. Ich war so dankbar für die mit Nicki Minaj für „Swish Swish“ vom letzten Album. Sie hat gerade offenbart, dass sie schwanger ist.

Verbindet das?

Klar! Ich habe sie gefragt, ob wir zusammen zum Geburtsvorbereitungskurs gehen wollen. Und ich hoffe, dass ihr Kind auch ein Mädchen wird, damit wir Klamotten tauschen können.

Werden Sie Ihr Faible für bunte Kostüme an Ihre Tochter weitergeben?

So lange ich es kann. Irgendwann wird es zum Kontrollverlust kommen, und sie wird mir sagen: „Nein, ich trage jetzt Schwarz bis ans Ende meines Lebens.“ Und dann weiß ich: Großartig, meine Tochter hat die Macht übernommen. Das nennt man Karma. Denn auch ich war ein aufmüpfiges Kind.

Ihr Verlobter Orlando Bloom ist bereits Vater eines neunjährigen Jungen. Ist es gut, einen Partner zu haben, der das alles schon mal mitgemacht hat?

Ich bin dankbar, dass er diesbezüglich Erfahrung hat. Er zeigt viel Verständnis, ich kann mich an ihn anlehnen, und er ist ein sehr positiver Mensch. Aber es sind auch fast zehn Jahre vergangen, Wissenschaft und Medizin entwickeln sich weiter. Wir beide lernen jeden Tag dazu. Und natürlich wird unser Kind einmalig sein!

Er hat Sie jüngst in einem Interview als Naturgewalt bezeichnet, weil Sie Ihren XL-Bauch so gut manövrieren.

Ich fühle mich einfach gut und habe so viel Energie, dass Orlando manchmal vergisst, dass ich schwanger bin. Bis ich mich dann umdrehe und da diese große Kugel ist.

Seit Februar 2019 sind Sie mit Bloom verlobt. Als Frau mit christlich-religiösem Hintergrund war anzunehmen, dass Sie vor der Niederkunft heiraten würden.

Ich bin zwar Pastorentochter, habe die Glaubenssätze meiner Eltern aber nicht zwingend übernommen. Wir haben allerdings versucht, dieses Jahr zu heiraten. Aber die Hochzeit wurde abgeblasen. Und jetzt konzentriere ich mich erst mal auf das Naheliegendste: darauf, Mutter zu werden.

Wir leben in Zeiten des Umbruchs. Glauben Sie angesichts solcher Bewegungen wie Black Lives Matter an eine bessere Zukunft?

Ich bin ein hoffnungsvoller Optimist. So ungemütlich und intensiv und chaotisch die Zeit gerade auch ist, ist sie dennoch notwendig, damit sich etwas bewegt. Ich bin dankbar, dass dadurch vieles an die Oberfläche kommt. All die schlechten Dinge entblößen sich gerade selbst. Das wirklich Beängstigende ist doch das, was nicht sichtbar ist für alle und unter den Teppich gekehrt wird. Für mich geht es darum, zuzuhören, zu lernen und denen eine Stimme zu geben, die sich auskennen.

Sie fordern Ihre Gefolgschaft über die sozialen Medien auf, sich für die Wahlen registrieren zu lassen. Bei über 104 Millionen Instagram-Followern dürften Sie Einfluss haben.

Es ist ein interessantes Jahr, denn uns Millennials und überhaupt allen steht die wichtigste US-Wahl überhaupt bevor. Das habe ich zwar schon vor vier Jahren gesagt, aber diesmal meine ich es noch ernster. Auf die jungen Menschen kommt es an. Auch zum Wohle meiner Tochter.

Beim „Tomorrowland“-Festival sind Sie jüngst als Clown mit orangefarbener Perücke aufgetreten. Eine Anspielung auf Trump?

An den habe ich dabei nicht gedacht. Ich werde orangefarbene Haare nicht von meiner Palette an Haarfarben streichen wegen dieser einen Person. Meine Schwester hat auch diese Haarfarbe, es wäre eine Beleidigung für sie. Selbst Trump kann die Farbe Orange nicht für sich allein beanspruchen.