Sie hat ein Mädchen geküsst und es hat ihr gefallen, sie hofft, dass ihr Boyfriend nichts dagegen hat. Mit diesem Bekenntnis zur sogenannten Bi-Curiosity gelang Katy Perry vor zehn Jahren der Durchbruch.

Das eher harmlose Lied wurde damals äußerst kontrovers diskutiert, kirchliche Gruppen prangerten den homoerotischen Inhalt an, LGTB-Gruppen die kommerzielle Ausbeutung der Bi-Curiosity, feministische Gruppen die Anbiederung an machohafte Männerfantasien!

Zwischen und auf allen Stühlen

Zwischen all diesen Stühlen also die in streng religiösem Umfeld aufgewachsene, an Gospelmusik geschulte Katy Perry und ihr Massenpublikum.

Interessant, dass Perry beim grell überladenen Konzert, das sie am Mittwoch in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof gab, „I kissed a girl“ in dualer Form darbot. Während sie die Strophen in einem Vier-Viertel-Technowummskleid neu interpretierte, wechselte sie im Refrain in den aus der Single bekannten Sechs-Achtel-Groove, bevor sie in einem riesigen Kussmund verschwand und dabei an ihrem Seil hing wie ein soeben ausgerutschter Bergsteiger in einem Eiger-Nordwand-Drama.

Überhaupt bewegte sie sich zwischen vielen Welten: kosmische Visuals mit schwindelerregenden Sonnensytemfahrten hier, Comedy-Tanz-Einlagen mit einem von einem Menschen in Haikostüm repräsentierten Hai da. Bei ihrer Unterhaltung mit letzterem wiederum gebar sie sich einerseits wie eins der kurz drauf besungenen „California Gurls“, andererseits erinnerte sie an die Schauspielerin Sophie Rois während einer besonders meta-hysterischen Episode in einem Stück von René Pollesch an der alten Volksbühne.

All ihre Hits spielte sie während dieser in fünf Akte und einem Zugabenblock aufgeteilten Revue, so etwa „Hot n’ Cold“ oder „Firework“, aber auch Lieder wie „Chained to the Rhythm“ oder „E.T.“ vom aktuellen Album „Witness“.

Letzteres stellte gewissermaßen die Klimax und Zusammenführung verschiedener disparater Stränge und Showelemente dar, hier sang und tanzte sie einerseits, spielte andererseits zwischendurch, an das Video des Songs angelehnt, mit einem halbnackten Superfan namens Moody Basketball, während zwei ihrer Tänzer mit sehr großen Händen die sehr großen Bälle vom sehr großen Korb abzuhalten suchten, andere Tänzer wild durch die Gegend hüpften, während die Band dabei weiterspielte.

Singen, tanzen, netzwerken

Natürlich verlor Moody, durfte aber noch ein Selfie mit Perry machen, wurde von ihr gleichzeitig gedemütigt und gefeiert, während sie auch noch ihre inzwischen ans vordere Ende des Stegs gerannten Tänzerinnen vorstellte und eigentlich schon zu ihnen hinwollte, das aber nicht konnte, da Moody so mit dem Selfie herumtrödelte!

Eine sehr gute Zusammenfassung der vielen gleichzeitigen Verpflichtungen, die man als Popstar heutzutage so hat, singen, tanzen, mit den Fans netzwerken. Zwischen und auf allen Stühlen, mal rockiger, mal elektronischer, mal unschuldige Teenie-Identität mit 80er-Jahre-Design-Videos, mal die düstereren Seiten von Liebe und Sexualität durch das Verschwinden in fleischfressenden Pflanzen darstellend.

Ein äußerst verwirrendes und die Sinne überforderndes Spektakel also, genau wie das Leben mit Internet-Zeitalter! Die aufmerksamkeitsdefizitäre Jugend im Saal fand es gut, die älteren Kunden allerdings auch.

Katy kann recht gut singen, tatsächlich transzendierten die von ihr live gesungenen Vokalpassagen den matschig scheppernden Sound der Arena. Und natürlich trugen sie und ihre Crew eine Auswahl an schön praxisfernen Kostümen, besonders gut gefiel mir eine rosa-blaue Kombination, zu der die Tänzerinnen gelbe Kugeln auf dem Kopf trugen, eine Mischung aus Magritte, „Tron“ und den Schachfiguren in „Alice hinter den Spiegeln“.

Gemeinsam wurde die Truppe auf einem gelben Balken in die Luft gezogen, wie das berühmte Foto von den New Yorker Bauarbeitern in schwindelhoher Frühstückspause. Gute Arbeit!