Schnurren und kratzen: Popstar Taylor Swift im Katzenkostum.
Foto: Universal Pictures

BerlinAm Anfang steht die Frage, aus welchem Paralleluniversum dieser Film wohl herübergeschwappt sein mag? Und welche Drogen sie dort nehmen? Offenbar heftiges Zeug. Dann aber fällt einem ein, dass Weihnachten die Zeit tanzender Nussknacker und Zuckerfeen ist, dass Hexen aus Lebkuchenhäusern winken und in anderen Weltregionen Rentierschlitten durch die Lüfte sausen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs der etwas wahnsinnigen Phänomene, die im christlich geprägten Abendland vom Ende eines Jahres künden. Da kommt es auf ein paar Schauspieler, die in Katzenkostümen Unfug treiben, nicht an. 

Freuen wir uns also darüber, dass es der Musical-Meilenstein „Cats“ unter der furchtlosen Regie von Tom Hooper – der 2012 schon „Les Misérables“ stemmte – doch noch auf die große Leinwand geschafft hat. In Gestalt einer auf wundersame Weise enthemmten Adaption, unbekümmert und verspielt – wie ein Kätzchen eben.

Kopfschütteln und Staunen

Es ist nicht immer ganz leicht, angesichts des Gewusels, das sich da vor unseren ungläubigen Augen abspielt, die Contenance zu wahren. Doch ist zwischen Kopfschüttel-Attacken und Lachanfällen immer auch Platz für jenes Staunen, mit dem Kinder früher den Märchenwesen begegneten. Oder heute den rosaroten Einhörnern und den Glitzerprinzessinnen. Wie diese kennt auch „Cats“ keine Gnade und macht keine Gefangenen.

Es ist in der Tat Judi Dench, die sich da im Katzenkörbchen räkelt. Es ist Ian McKellen, der in der Speisekammer aus der Milchschale schlabbert. Und es ist Idris Elba, der am Ende in Lord Nelsons Hutkrempe strandet. Alle tragen sie Ganzkörperfellanzüge und Schnurrhaare im Gesicht und alle haben sie Schwänze und Ohren, die ein digital animiertes Eigenleben führen.

Eines der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten

Nicht selten produziert das mitunter etwas holprige Zusammenspiel von Fellkostüm, prosthetischem Make-up und CGI-Effekt zudem den unheimlichen Eindruck, die Gesichter der Schauspieler seien lediglich auf Katzenkörper-Avatare projiziert worden. Körper, mit denen etwas nicht stimmt: Denn erstaunlicherweise haben zwar die weiblichen Katzen Brüste, weder die Katzen noch die Kater aber haben ein Geschlecht; dabei sind sie doch, wenngleich behaart, nackt.

Ja, das sind so die Fragen, die sich einem stellen könnten, würde man nicht gleich wieder von etwas anderem abgelenkt. Mal wirken die Katzen in Relation zu Sets und Requisiten winzig, dann wieder erscheinen sie riesig; nie aber wie ganz normale, reale Katzen. Wobei der Begriff von einer ganz normalen, realen Katze, wohnhaft in der wirklichen Welt, umso diffuser wird, je länger man in dieses filmische Narrenkastl hineinschaut.

Der Trailer zu „Cats“.

Video: YouTube

Apropos, sollten Sie tatsächlich nicht wissen, was es mit „Cats“ auf sich hat, hier ein paar Fakten: Ersonnen wurde das Phänomen vom Grandseigneur des Musicals, Sir Andrew Lloyd Webber, unter Verwendung von Gedichten aus T.S. Eliots 1939 veröffentlichtem „Old Possum’s Book of Practical Cats“.

Nach seiner Uraufführung im Mai 1981 wurde es im Londoner West End 21, am New Yorker Broadway 18 und an der Hamburger Reeperbahn fast 15 Jahre lang gespielt. Mit bislang über 50 Millionen Zuschauern weltweit zählt es zu den erfolgreichsten Megamusicals der Geschichte. Der Tiefgründigkeit der Handlung dürfte das eher weniger geschuldet sein.

Es verhält sich wie folgt: Einmal im Jahr feiern die Jellicle-Katzen den Jellicle-Ball, im Rahmen dessen eine sehr alte und sehr weise Chefkatze, namentlich Alt-Deuteronimus (Judi Dench), entscheidet, welche der Jüngeren in den sogenannten sphärischen Raum aufsteigen darf, wo ihr ein neues Leben und eine neue Chance geschenkt werden wird.

Unbekümmert und verspielt: eine Tanzszene aus "Cats".
Foto: Universal Pictures

Im Zuge des Auswahlverfahrens kommt es zu Tanz- und Gesangsnummern (Taylor Swift) von hohem musikalischem wie tänzerischem Anspruch und nicht geringem Unterhaltungswert. Vor allem aber wird einer der herzergreifendsten Gassenhauer angestimmt, der je ersonnen wurde: „Memory“ ist Höhe- und Glanzpunkt einer jeden „Cats“-Inszenierung.

Auch im vorliegenden Fall hat das Warten sich gelohnt, wenn Jennifer Hudson in der Rolle der verstoßenen Katze Grizabella die Stimme erhebt. Sie mag in der Folge dann zwar etwas derbe auf die Tube drücken, doch drückt nicht ohnehin dieser ganze Film derart derb auf die Tube, dass hinterher in derselben rein gar nichts mehr drin ist?

Im Zuschauergehirn übrigens ebenfalls nicht. Shutdown aufgrund von visuellem Overload, dem kinematografischen Äquivalent zur Glühwein- und Lebkuchen-Überzuckerung auf den Weihnachtsmärkten. In diesem Sinne: Sehen und staunen Sie! Und sagen Sie nicht, Sie seien nicht gewarnt gewesen.

Cats USA/GB 2019. Regie: Tom Hooper, Drehbuch: Tom Hooper, Lee Hall, Andrew Lloyd Webber, T.S. Eliot, Kamera: Christopher Ross, Musik: Andrew Lloyd Webber, Darsteller: Francesca Hayward, Laurie Davidson, Rebel Wilson, Taylor Swift, Jennifer Hudson, u.a., 110 Minuten, Farbe.