Und jetzt bloß nicht bewegen! 
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BerlinDer Kater schläft. Wenn er denn mal schläft. Dann sieht er genauso aus wie alle anderen Katzen und hat sich etwa seitlich zusammengerollt und den Schwanz ordentlich um sich herumgelegt. Oder er kauert mit untergeschlagenen Pfoten. Oder liegt bäuchlings ausgestreckt oder rücklings, das Unterfell der Welt preisgegeben, die Beine in ihren Pelzhöschen nach rechts und links geklappt. Nach Katzenart eben. Wenn man zwei Drittel des Tages schlafend verbringt, muss es bequem sein. Aber bis er schläft, dieser Kater, dauert es mitunter lang.

Oder andersherum: Mitunter wird es auch mal schnellgehen. Stehen bleiben, gähnen, hinlegen, Augen zu. Dann vermutlich, wenn wir nicht da sind oder selbst schlafen. Mit Publikum aber ist das Zubettgehen des Katers ein mehraktiges Melodram. Es beginnt damit, dass er sich dicht neben einen auf den Boden setzt und maunzt. Ich bin müde – tu was! Als Nächstes springt er nach oben und bahnt sich – auf dem Tisch oder dem Sofa – den Weg bis zu dem Punkt, an dem er einem anklagend ins Auge blicken kann. Erst ins Auge, dann auf den Schoß.

Dort testet er mit den Vorderpfoten die Weichheit und Stabilität des selbstverständlich sofort angebotenen Platzes, wartet, ob man vielleicht noch eine Decke oder wenigstens einen Wollpullover unterlegt, und macht es sich dann bequem. Was bedeutet, dass das Schnurren, Drehen und Treten beginnt, der Einschlaftanz mit hingebungsvoll gesenktem Kopf, der im Idealfall zwei, drei Minuten dauert, im Normalfall jedoch äußerst störanfällig ist. Jedesmal, wenn jemand durchs Zimmer geht oder das Telefon klingelt, startet das Manöver aufs Neue.

Entsprechend demütig ist der Mensch, an den sich der Kater in so rührender wie herrschsüchtiger Weise beim Schlafen presst, und riskiert eher ein eingeschlafenes Bein als einen womöglich störenden Stellungswechsel. Dass, wer unter dem Kater sitzt, von den anderen bedient wird, ist ohnehin Gesetz, und wenn niemand da ist, der einem etwas zu trinken und den Computer reichen könnte, bleibt immer noch, die Entschleunigung zu preisen, die einem das Katzentier beschert. Wann sonst säße man einfach so herum, ohne etwas anderes zu tun als die Dämmerung beim Dämmern zu betrachten!

Dann aber, nach Stunden oder auch nur Minuten dessen, was aus menschlicher Sicht durchaus mit Bindungsarbeit zu tun und, siehe oben, seinen Preis hat, dreht sich ein Schlüssel im Schloss oder macht jemand napfrückende Geräusche in der Küche und – schwupps, ist das Tier weg. Aufgesprungen in einem Satz und nach einer kurzen Dehnung auf dem Teppich ohne jeden Blick zurück schon aus dem Zimmer. Nachdenklich legt man da als Mensch seine Hand auf die noch warme Stelle am Körper oder auf der Decke, an der das Tier doch selig geschlafen hat, und kehrt seufzend in den eigenen Tag zurück.

Daran, dass zum felinen Achtsamkeitstraining, in das man als Katzenfütterer automatisch gerät, zum verordneten Sichfallenlassen in den Augenblick, auch gehört, dass dieser Augenblick dann in Lidschlaggeschwindigkeit immer wieder vorbei ist, kann sich der Mensch, der sich als Ackerbauer kultiviert hat, nur schwer gewöhnen. Er will ernten, wenn er sät. Der Kater aber, ganz Jäger, lauert stets auf die bessere Gelegenheit und lässt sie sich nie entgehen.