Die Stadt hat ein neues Radio: Es heißt KCRW Berlin und sendet auf der Frequenz 104,1 MHz. Ist so etwas noch eine News? Wo es im Netz zehntausend Stationen gibt? Außerdem: Radio? Sind nicht alle bei Spotify und streamen? Nein, sagt da ein unbestimmtes Gefühl: Unbedingt ist das eine Nachricht, denn der neue Sender ist ein Ableger der kalifornischen Station KCRW. Und die genießt in Nordamerika unter Musikliebhabern den Status einer Radiolegende. Was führt die denn bitte nach Berlin?

Zu Besuch bei NPR Berlin

Zunächst einmal der Zufall. Die Radioleute aus Kalifornien hatten 2015 ein Art Betriebsausflug nach Berlin unternommen, mit Radiomoderatoren, Mäzenaten und Freunden des Senders. Einer der Programmpunkte der Reise war ein Besuch bei NPR Berlin. NPR, das „National Public Radio“, ist ein Verbund von 900 Radiostationen in den USA, zu dem auch KCRW gehört. Man kann sich NPR vorstellen wie die ARD, nur ohne Rundfunkgebühren. Alle angeschlossenen Sender arbeiten gemeinnützig, werbefrei und finanzieren sich über Spenden. Der Senderverbund beschäftigt über vierzig Auslandskorrespondenten in aller Welt und übernimmt, falls das nicht reichen sollte, auch Inhalte der BBC. Und er leistete sich eine Art Hobby: NPR Berlin. Der Sender war ein doppeltes Unikum: Nicht nur die einzige NPR-Station im Ausland, sondern noch dazu die einzige, die NPR in eigener Regie betrieb.

Expansion nach Berlin

2017 wurde den Amerikanern das Projekt zu teuer, weshalb sie ankündigten, den Laden zu schließen und die Frequenz zurückzugeben. Ein Schock, besonders für die Mitarbeiter von NPR Berlin. Eine von ihnen, Susan Woosley, erinnerte sich an den Kontakt zu KCRW, fragte dort an und war mehr als überrascht, als sich die Leute aus Los Angeles eine Expansion nach Berlin vorstellen konnten. „Wir waren elektrisiert, aber auch einfach nur ehrfürchtig und dankbar“, sagt sie. KCRW stehe für intelligente Inhalte und geradliniges Storytelling. „Radio is Kopfkino, you know?“, sagt Susan Woosley heute. Inzwischen ist sie Senderchefin von KCRW Berlin.

„Das beste Radio der Welt“

KCRW wurde 1948 als Radio des Santa Monica College gegründet und hat sich mit den Jahrzehnten einen Ruf wie Donnerhall erarbeitet. Eine schnelle Umfrage unter ein paar Multiplikatoren im Freundeskreis: „KCRW, das ist, als würde es den New Yorker als Radio geben“, sagt Florian Wupperfeld, Netzwerker für Kunstmuseen und Londoner Privatclubs. Er kramt sein Handy hervor, um zu zeigen, dass er extra die App des Senders installiert hat, damit er die wöchentlichen Podcasts griffbereit hat. „KCRW sitzt bei mir im Autoradio auf dem ersten Programmplatz. Wenn das läuft, bin ich nur am Shazamen“, sagt Christian Prommer, DJ, Jazzmusiker und Kopf der Red Bull Music Studios in Berlin. „Shazam“, so heißt die Handy-App, mit der man Künstler und Titel, die im Radio laufen, identifizieren kann. Und für Michael André Ankermüller und seinen „Blog Bohéme“ aus dem Kosmos des Vice-Magazins ist KCRW ganz einfach „das beste Radio der Welt“. Und dieser Sender hat sich nun entschlossen, den anderen dreißig Radios in Berlin ein bisschen hineinzufunken.

Berliner Lebensgefühl

Ortsbesuch beim Sender in Steglitz, der mit einigen anderen Sendern unter dem Dach des dortigen Rathauses sitzt. Auf dem Flur ist es überraschend leise, in den beiden Sendestudios: kein Betrieb. „Wir stehen noch am Anfang“, sagt die Senderchefin. Soeben habe man die Wände neu gestrichen, in der Stammfarbe des Senders. Sie erinnert an das Türkis des Juweliers Tiffany’s in New York. Zwei Mitarbeiter und eine Halbtagskraft beschäftigt das Radio, und da ist die Chefin schon mitgezählt. Das Programm – ausschließlich auf Englisch – ist ausbaufähig; im Moment dürfte es etwa eine Stunde pro Woche sein, die KCRW Berlin selbst produziert. Der Rest wird aus den USA importiert. „Wir versuchen, in den nächsten Monaten eine Berlin Music Show zu machen“, sagt Susan Woosley. „Es gibt einen bestimmten Berlin-Sound, der nicht nur aus Techno besteht, sondern sehr eklektisch ist. Wir suchen nach DJs, die ihn repräsentieren. Unser Traum ist natürlich, das Berliner Lebensgefühl nach Kalifornien zurückzugeben.“

Zehn Sender kämpfen um eine Frequenz 

Zum Berliner Lebensgefühl gehört auch der Sonderstatus als ehemals geteilte Stadt, der bis heute in der Radiolandschaft mitschwingt. Im Staatsvertrag über den Rundfunk zwischen Berlin und Brandenburg steht, dass im Hörfunk Sendefrequenzen auch Veranstaltern zugewiesen werden können, „deren Programme sich auf die besonderen Beziehungen Berlins zu seinen ehemaligen Schutzmächten gründen“. Der Paragraf klingt unbestimmt, trotzdem gibt es seinetwegen in der Stadt neben KCRW Berlin noch BBC World Service auf 94,4, Radio France Internationale auf 96,7 und das Privatradio Radio Russkij auf 97,2. Und deshalb ist es auch immer noch ein kleines Politikum, wenn ein amerikanischer Sender eine der begehrten Sendelizenzen bekommt. Immerhin haben sich noch zehn weitere Unternehmen um die 104,1 beworben.

John Kornblum als Relikt der Zeit

Sind die fremdsprachigen Sender so etwas wie die letzten Relikte des Krieges? „Ja“, sagt Susan Woosley, „genau wie John auch“. Mit John meint sie John Kornblum, den ehemaligen Botschafter der USA in Berlin. Kornblum ist Geschäftsführer der gemeinnützigen GmbH, die das Radio trägt und die finanziert wird von Mäzenaten und Spendern aus Deutschland. Mit dieser Konstruktion platziert sich KCRW Berlin als Unikum in der deutschen Medienlandschaft: ein Radio, das ohne staatliche Zuschüsse auskommt und ohne Rundfunkgebühren. Auch Werbung darf der Sender nicht verkaufen, solange er als gemeinnützig gelten und Spendenquittungen verschicken will. „Wir müssen das Geld selber sammeln, das ist ein großer Teil unserer Arbeit“, sagt John Kornblum.

Das Engagement des früheren Diplomaten, der den Deutschen in Talkshows gern Amerika erklärt, erregt Aufmerksamkeit. Während der Deutschlandfunk das Projekt als „Radio für die Völkerverständigung“ lobt, schimpft Albrecht Müller, Ex-Politiker und Herausgeber des Politblogs „nachdenkseiten.de“, KCRW Berlin sei „ein neues Propaganda-Radio, mit einer Sprache, die einem die Schuhe auszieht“. Und der kremlnahe Fernsehsender RT Deutsch beschwert sich auf seiner Webseite, dass John Kornblum Russland nicht erwähne, wenn es ihm um die Gruppe der Siegermächte geht. Kornblum wiederum erzählt, dass RIAS Berlin nach dem Krieg nur über Telefonleitungen senden konnte, weil die Russen den einzigen Sendemast besetzt hielten, der in Berlin die Bomben überlebt hatte. Französische Soldaten, sagt Kornblum, hätten das Ding irgendwann gesprengt und die Russen vertrieben. Das alles ist lang her, heute erwähnt Susan Woosley lieber, dass KCRW Berlin sich mit Radio Russkji und Radio France den Sendemast in Schöneberg teilt.

Für Kornblum ist KCRW Berlin selbstredend kein Propagandainstrument, sondern ein Integrationsprojekt. Zielgruppe sind nicht hilfsbedürftige Gestrandete, sondern das internationale Publikum, welches vornehmlich Englisch spricht. Dem will er nahebringen, was in der Stadt passiert. Kornblum: „Radio ist ein intimes Medium, man fühlt sich angesprochen, man schließt Rundfunkfreundschaften mit Menschen. Radio als Medium wird wichtiger, weil es so persönlich ist, auch wenn die Zahl der Hörer sinkt. Klingt ein bisschen kontra-intuitiv, aber jetzt, wo alle Menschen sich entfremdet fühlen, kann es was bringen, wenn man das persönliche Radiogefühl hat.“ Bei John Kornblum stellt sich das persönliche Radiogefühl ein, wenn er „The Moth Radio“ hört (sonnabends um 17 Uhr). Oder das „Radio Lab“ (sonntags um 12 Uhr). „Radio Lab ist die kreativste Sendung, die ich je in meinem Leben gehört habe. Schier unglaublich“, sagt er. Noch ein weiteres Highlight: die „New Yorker Radio Hour“, sonnabends um 13 Uhr.

Die eigentliche Coolness des Radios aber zeigt sich am Musikprogramm. KCRW ist als Antithese zum Formatradio konzipiert. Bei der Auswahl der Musik haben die DJs nur eine Referenz: ihren eigenen Musikgeschmack. Weshalb so gut wie jedes Genre ins Programm wandert. Stets anregend, nie anstrengend. „Kornblum hat jetzt ein Hipster-Radio“ schrieb die BZ, als das mit KCRW bekannt wurde. Er aber sieht „mein Radio“ nicht als junges Radio. „Was heißt schon jung?“, fragt Kornblum, worauf man ins Grübeln kommt, ob sich heute noch Musikstile einer bestimmten Generation oder Altersgruppe zuordnen lassen.

Radio mit Qualität

Jedenfalls kann sich Kornblum, 75 Jahre alt, gar nicht genug begeistern für die Musikauswahl des Senders. „Ich glaube, ich darf behaupten: Wir bringen eine Qualität, die es im deutschen Rundfunk nicht gibt.“ Am besten hört man diese Qualität im Nachtprogramm, wenn ausschließlich Musik läuft, in Berlin zwischen 21 und 4.30 Uhr. Unter dem Namen „eclectic24“ gibt es den Nachtmix auch als Stream im Netz, rund um die Uhr. Irgendwo auf der Welt ist ja immer Nacht.

Die „Morning Edition“ des Senders kommt live aus New York, und sie läuft wegen der Zeitverschiebung erst von 11 Uhr bis 15.30 Uhr. Eine Morgensendung bis in den späten Nachmittag dürfte den Berliner Partygängern entgegenkommen. Der Slogan des Senders heißt aber nicht „für die Nachteulen“, sondern „for the curious“, für die Neugierigen.

In Kalifornien ist man zum Beispiel stolz darauf, dass der Schöpfer der „Sopranos“ den Titelsong der Serie auf KCRW entdeckt hat. Solche Geschichten kann man in Berlin natürlich noch nicht erzählen. Auf der Fotowand in L.A., der „wall of fame“, pinnen Polaroids von allen, die den Sender besucht haben. Viele Bilder belegen Liveauftritte: Coldplay spielten hier, als noch keiner sie kannte, Massive Attack, Nick Cave, Norah Jones, Phoenix oder Elvis Costello. In Berlin gibt es das auch, zwanzig oder dreißig Polaroids finden sich auf der frisch gestrichenen Wand. Die prominenteste Person darauf dürfte die deutsch-amerikanische Stand-up-Komikerin Gayle Tufts sein. Sie ist super, trotzdem: Da ist noch ein wenig Luft nach oben.