"Dry January", also einen Monat nüchtern sein, ist für manche eine große Herausforderung. 
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BerlinIch bin seit sieben Tagen clean. Kein Alkohol bis Ende Januar. „Dry January“ nennt sich das. Klingt natürlich besser als „trockener Januar“, trotzdem frage ich mich, warum diese ganzen Moden immer englische Namen haben müssen. Könnten wir da nicht ein bisschen selbstbewusster werden? Die Amerikaner zum Beispiel leihen sich von anderen Völkern meistens nur Worte aus, die irgendetwas Unangenehmes ausdrücken und womit sie dann ihre eigene Sprache nicht belasten müssen. Die am häufigsten entlehnten Worte aus dem Deutschen sind „Angst“ und „Blitzkrieg“, woraus man logischerweise nicht ganz so leicht einen lässigen Gesellschaftstrend entwickeln kann.

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Meine Frau Catherine fragt mich jetzt jeden Tag, wie ich mich fühle. Dabei schaut sie mich neugierig und besorgt an, wie einen Maulwurf, der plötzlich fliegen will. Wenn ich ehrlich bin, habe ich den trockenen Januar vor allem ihretwegen begonnen. Ich will ihr beweisen, dass es überhaupt kein Problem für mich ist, auch mal nichts zu trinken. Wobei, wenn ich noch ein bisschen ehrlicher bin, ist es meine eigene Neugier, die mich treibt.

Jeden Tag Alkohol

Es ist nämlich so, dass ich mich an keinen Abend in diesem Jahrhundert erinnern kann, an dem ich nicht ein kleines Weinchen, ein kleines Bierchen oder ein kleines Schnäpschen gezischt hätte. Manchmal war es auch eine hübsche Kombination aus allem. Nichts ist schöner und entspannender für mich, als nach getaner Arbeit nach Hause zu kommen, etwas für die Familie zu kochen und dabei ein oder zwei Gläschen Rotwein zu trinken. Ich mag das Gefühl, wenn der Bauch so angenehm warm wird, wenn der Kopf in diese leichte Schwere taucht. Diese Minuten des schwebenden Glücks beenden den pflichtbetonten Tag und läuten den wohligen Feierabend ein. Übrigens ein sehr schönes Wort, finde ich, Feierabend. Weil darin die ganze Sehnsucht des disziplinierten Menschen steckt.

In den letzten Monaten, das muss ich zugeben, habe ich es ein wenig übertrieben. Wobei ich zu meiner Entschuldigung sagen muss, dass die Monate November und Dezember sich auf herrliche Art zur alkoholischen Übertreibung eignen. Das fängt schon mit dem Wetter an. Rotwein-Wetter, wenn Sie mich fragen. An manchen Abenden, wenn der kalte Wind um die Häuser fegt, schlägt es leicht ins Whisky-Wetter um. Und wenn ich sagen sollte, was am besten gegen anfangende Halsschmerzen hilft, dann rate ich: Ein guter Grog. Oder ein weicher Wodka. Oder ein Moscow Mule, weil Ingwer immer gut ist.

Ohne Alkohol ist es eigentlich ganz okay

Hinzu kommen die gesellschaftlichen Verpflichtungen. Erstaunlich viele Menschen haben im November Geburtstag und laden zu Partys ein. Ab Anfang Dezember beginnt dann die Weihnachtszeit. Und was gibt es Herrlicheres, als mit einem guten Freund an einem dunklen Dezembernachmittag auf einem Weihnachtsmarkt zu stehen und sich ein paar Becher Glühwein mit Schuss zu genehmigen? Ich kann sagen, ich habe die Engel nicht oft singen gehört, aber wenn dies geschah, dann war definitiv Glühwein im Spiel. Aber ich schweife ab, verliere mich in den Nebeln, denen ich entfliehen will. Also, wie fühle ich mich? Eigentlich ganz okay. Wobei das auch dem Enthusiamus des Anfangs geschuldet ist. Ich verbringe viel Zeit damit, den Leuten zu erzählen, wie leicht es mir fällt, keinen Alkohol zu trinken. Wie gut das für die Leber und den Magen ist. Wie herrlich ich jetzt schlafe. Und weil ich das alles so oft sage, habe ich sogar manchmal das Gefühl, es könnte stimmen.

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Gestern Abend saß ich mit einer Tasse Rooibos-Tee vor dem Fernseher. Ich spürte den misstrauischen Blick meiner Frau, in den sich bereits ein wenig Stolz mischt. In dem Film, den wir sahen, wurde die ganze Zeit gesoffen. Irgendwann sagte der Hauptdarsteller: „Wer nüchtern bleibt, muss mutig sein.“ Mehr gibt es zu dem Thema denke ich nicht zu sagen.