Berlin - Zwei, die sich nicht gut verstehen, kommen hier durch die ganze Welt. Zumindest durch Berlin. Sie verstehen sich nicht, trotzdem freunden sie sich miteinander an. Jedenfalls der eine mit dem anderen. Der andere tut so, als bräuchte er keinen. Dabei ist gerade er es, der allein gar nicht überleben würde.

Der Filmemacher Klaus Lemke, auf immer vernarrt in die Jugend, hat diese seltsame Freundschaft inszeniert. Inzwischen ist Lemke 73, aber an seinem ruppigen Stil, seiner Vorliebe für Laiendarsteller und seiner Passion für unreife Menschen hat sich nichts geändert. Nur dass er sie nicht mehr in München und auf Ibiza sucht, sondern in Berlin. Nach „Helden für Berlin“ (2012) nun „Kein großes Ding“, der an zwei Terminen beim Filmfestival „achtung Berlin“ läuft“.

Wieder spielt der Film unter jungen Zugereisten, die in Berlin ihr Glück weit jenseits üblicher Karrieren suchen. Henning Gronkowski, ein besonders ansehnliches Exemplar aus Lemkes Stammmannschaft, spielt einen Ex-Grower, also einen, der Hanf im großen Stil in illegalen Gewächshäusern gezogen hat. Na ja, eigentlich war er nur ein kleines Licht in diesem Shit-Bergwerk. Deshalb liebäugelt er damit, seinen zarten Körper stattdessen striptänzerisch zu versilbern. Und weil Henning dazu noch so ein guter Schlecker ist, wie die Chefin des Kreuzberger Clubs Wild at Heart bestätigt, kommt er ganz gut über die Runden und durch die Betten.

Der andere, Mahmoud, ist Filmvorführer und ebenfalls Kleinkrimineller – „Kein großes Ding“ beginnt damit, dass er aus dem Knast kommt. Was er genau gemacht hat, versteht man nicht genau, aber das macht nichts. Denn in einer höheren Wahrheit ist Mahmoud Künstler – und zwar James-Brown- sowie Michael-Jackson-Imitator. Weil er als solcher aber noch nie einen echten Auftritt hatte, ernennt sich Henning kurzerhand zu dessen Agenten.

Mahmoud ist das zunächst nicht recht. Er fühlt sich durch den zugelaufenen Beistand schon „künstlerisch korrumpiert“, bevor Henning überhaupt ein Wort gesagt hat. Mahmoud ist ein notorischer Einzelgänger. Obwohl er im Gehen und Stehen ständig den Text zu James Browns Song „Sex Machine“ herauszischelt, ist er, wenn es darauf ankommt, aus tiefster Überzeugung „asexuell“.

Aber so leicht lässt sich Henning nicht abschütteln. Er ist einer vom Typus Heimkind. Hat er einmal jemanden zum Freund erkoren, klebt er fest – so undankbar man ihn auch behandelt.

Und so schaffen es die zwei wenigstens zu einem Auftritt im Wild at Heart, das es mit seinen liebenswert dilettantischen Burlesque-Shows ja auch im wirklichen Berliner Kulturleben zu einiger Berühmtheit gebracht hat. Aber so unbeholfen wie dieser Auftritt ist, überfordert er sogar die Toleranz des hartgesottenen Publikums aus dem Club in der Wiener Straße.

Lemke ist wieder ein schmutziger kleiner Film gelungen, dem man sein winziges Budget ansieht und ansehen soll. Der Film stolpert durch seine Handlung wie seine Helden durch Berlin – mal schwankend, mal tänzelnd, mal gespreizt dahergockelnd und dann wieder anrührend geschmeidig. Er ist genauso, wie eine Passantin die beiden Helden empfindet: „So assi, dass es schon wieder geil kommt“.

Die verpeilten Glücksucher sind so jenseits aller realen Chancen, wie man es sich nur vorstellen kann, und doch hat man das Gefühl, in Berlin tummelten sich Tausende von ihnen, und irgendwie würden sie es schon schaffen. Diese Zuversicht gibt der Film, weil auch er wie von selbst zu laufen scheint, immer nur diesen komischen Typen hinterher, die so originell sind, dass man ihnen ein langes Überleben wünscht. So klein kann eine Utopie sein.

Kein großes Ding: 12.4., 22.15 Uhr, Kino Babylon 1, sowie 15.4., 21.30 Uhr, Filmtheater am Friedrichshain. Vorführungen in Anwesenheit von Klaus Lemke & Crew.