Die dicke Brille auf der Nase ist die Voraussetzung, um in immersive Welten vorzudringen. Erst dann können spannende Geschichten erlebt werden. 
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BerlinEine Chance vertan, so kommentierte Ioulia Isserlis die Entscheidung der Berlinale-Macher, auf einen Virtual-Reality-Wettbewerb zu verzichten. Isserlis ist Geschäftsführerin des Studios Another World. Mit ihrem Team war sie im vergangenen Jahr mit dem Filmprojekt „Pagan Peak VR“ bei den Filmfestspielen in Venedig im Wettbewerbsbereich „Virtual Reality“ nominiert worden. Zwar wurde das Projekt, in dem ein Serienkiller gesucht wird, am Ende nicht ausgezeichnet, aber Ioulia Isserlis verglich allein die Nominierung mit einer Auszeichnung. „Das war wie ein Qualitätsstempel“, sagte sie im Gespräch mit der Berliner Zeitung.

Projekt eines Oscar-Regisseurs

Zwar versteht sich die Hauptstadt inzwischen als Hotspot für die digitale Szene mit seinen international orientierten Start-ups, kreativen Studios und zukunftsgewandten Festivals, aber klassische Institutionen sind nicht immer so aufgeschlossen. „Wir müssen erst mal nach der Infrastruktur schauen, also einem Ort, wo man das machen könnte. Und ob VR die Zukunft des Kinos ist? Da wäre ich mir nicht sicher“, sagte der neue künstlerische Leiter des Festivals, Carlo Chatrian im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Also wird es keinen Wettbewerbsbereich für VR geben. „Schade“, sagt Isserlis, so werde die Chance verpasst, die Berlinale zu einem „trendy und edgy Festival“ zu machen, also auf zukunftsweisende und spannende Weise Talenten aus aller Welt ein Podium bieten zu können. Zur Erinnerung: Die Berlinale gibt es seit 1951. Sie geht auf eine Initiative der Militärregierung der Vereinigten Staaten zurück. Eröffnet wurde das Festival mit Alfred Hitchcocks „Rebecca“ im Titania-Palast. Hitchcock konnte sein Publikum mit überraschenden   Erzählformen, dem Spiel mit Klischees und genialem Kamera-Einsatz immer wieder faszinieren. Film war für ihn eine artifizielle Kunstform.

Neue Erzählformen im Film

Heute gibt es große Regisseure wie den Oscar-Gewinner Alejandro González Iñárritu („Birdman“, „The Revenant“), die das klassische Genre verlassen, um mit modernen Erzählmethoden zu experimentieren. Iñárritu wählte vor zwei Jahren die Konflikte an der mexikanisch-amerikanischen Grenze als Thema für sein Virtual-Reality-Projekt. In der Zeit hieß es damals: „Nach den sechs Minuten weiß man: Wenn ein Grenzpolizist mitten in der Wüste aus seinem SUV springt und seine halbautomatische Waffe direkt auf einen richtet, fühlt man sich ausgeliefert, verängstigt, zu etwas Namenlosem degradiert, der eigenen Person beraubt. Und man weiß, dass es nur eine Ahnung davon ist, wie es sich in der Realität anfühlen muss.“

Martin Herzberg kennt das Projekt des mexikanischen Filmemachers. Für ihn ist es ein ideales Beispiel, um zu zeigen, wie Filmregisseure auf der Suche sind nach neuen Erzählformen. Herzberg, der Geschäftsführer des Studios bEpic ist, das sich auf visuelle Effekte und immersiven Content konzentriert, stellt deshalb die Frage, was die Berlinale in Zukunft sein wolle: ein klassisches Kinofilmfestival, das sich Innovationen verschließt, oder ein modernes Festival mit vielseitigen Angeboten? Er verweist auch darauf, wie sehr die Filmwelt im Umbruch ist. Vor Jahren der Wechsel von der analogen zur digitalen Filmpräsentation, zuletzt die Diskussion um Filmproduktionen der Streaming-Anbieter.

Das Potenzial VRs könnte in der Filmbranche genutzt werden.
Foto: Getty Images/Damir Khabirov

Andere renommierte Filmfestivals in Cannes, Venedig und den USA haben übrigens weniger Berührungsängste und auch keine Schwierigkeiten, eine passende Infrastruktur zu schaffen. Helge Jürgens, Geschäftsführer des Medienboards Berlin-Brandenburg verweist in seinem Statement darauf, dass es durchaus VR-Projekte im Februar zu sehen geben wird. In der Berliner Freiheit ist ein VR-Now-Summit geplant, kuratiert vom Virtual-Reality-Verein Berlin-Brandenburg. Aber es wird eben keine Berlinale-Auszeichnungen geben. Und dann in Zukunft? Jürgens geht davon aus, dass die Konvergenz der digitalen Medien weiter zunehmen wird. „Ob Serien, Games oder VR – das Storytelling wird sich vermehrt ‚künstlicher Bilder‘ bedienen. Es ist eine große Chance für die Berlinale der Zukunft, die Technologie ‚Virtual Production‘ zu präsentieren.“ Jürgens will deshalb Gespräche mit der Berlinale-Führung über eine   VR-Sparte aufnehmen.

Platz im Kinofoyer

Was aber auch klar ist: Virtual Reality hat es noch schwer, sich bei den Konsumentinnen und Konsumenten durchzusetzen. Wer trägt schon gerne eine schwere, dicke Brille, um in fremde Welten abzutauchen? Und so richtig Spaß macht das Ganze auch erst dann, wenn man sich in dem spielerischen Raum bewegen kann, wenn er also vermessen und mit Hightech ausgestattet ist. Jürgens wünscht sich deshalb, dass Kinos beispielsweise in Foyerbereichen durch die Einrichtung von VR- Lounges ein immersives Äquivalent zu den klassischen zweidimensionalen Kinoformaten schaffen.