Gespräche von Kritikern und Befürwortern der Pandemiepolitik führen oft in eine Sackgasse. Versuchen wir, sie auszuschildern.

Der Kritiker sagt dem Befürworter vielleicht gewisse Fakten auf: Zum Beispiel, dass viele positive PCR-Tests gar keine Infektiosität der Person belegen, dass es alterungsbereinigt keine Übersterblichkeit in Deutschland gab und dass Misshandlung und psychische Probleme bei Kindern durch die Lockdowns wie vorhersehbar enorm zugenommen haben. So ein Auftritt baut Druck auf, gerade wenn er mit jener herablassenden Rechthabergeste erfolgt, die ich bei Menschen auf beiden Seiten dieser Debatte oft sehe.

Eine nachvollziehbare Rückfrage des Befürworters lautet etwa so: „Wenn das alles stimmt – wem nutzt so eine selbst gemachte Katastrophe? Wer betrügt uns? Das liefe ja auf eine Verschwörungstheorie hinaus!“

Die Alternative wäre demnach: Entweder die Regierenden wollen das Gemeinwohl schützen oder sie sind moralisch verworfene, gegen die Bevölkerung verschworene Betrüger. Entweder redliches Bemühen oder Corona-Verschwörung. So einfach. Und dabei schwingt mit: Du bist entweder Teil der „vernünftigen“ Mehrheit, oder eben ein „Verschwörungsschwurbler“.

Die Verliererdebatte

Damit stecken wir in der wohl meistgefürchteten Sackgasse jenes angstbesetzen Meinungsklimas, von dem in meiner letzten Kolumne die Rede war. Alle verlieren: Der Kritiker würde sich selbst den notorischen „Aluhut“ aufsetzen, wenn er der Gegenfrage mit der Erläuterung einer Verschwörung begegnete. Und der Befürworter ordnet die Ausführungen des Kritikers ja gerade deshalb als Symptom blanker Irrationalität ein, weil sie (falls stimmig) deutlich das Bild einer unfassbar zerstörerischen Politik zeichnen. Mit dieser „Logik“ ist der Befürworter gegen grundlegende Regierungskritik immunisiert.

Der Austausch missglückt, die Spaltung vertieft sich. Wie müssten wir diskutieren, damit stattdessen Aufklärung und Versöhnung zustande kommt? Hilfreicher als „Wer steckt dahinter?“ ist die Frage „Welche Interessen wirken?“.

Die Corona-Blume

Stellen Sie sich eine Blume vor, deren Blütenblätter sich (botanisch untypisch …) in der Mitte überlappen. Diese Mitte ist die deutsche Pandemiepolitik, die Blütenblätter sind die zu ihr beitragenden Interessenkreise. Jeder von ihnen hat für sich betrachtet eine eigene Logik und Wirksamkeit, ohne das Geschehen allein zu dominieren. Ihre gemeinsame Wirkung ist die gespaltene Republik: zerrüttete Freundschaften, die nicht enden wollende, ebenso gedanken- wie gnadenlose Maskierung selbst kleiner Kinder … Setzen Sie diese Liste nach Ihrer Erfahrung und Betroffenheit fort.

Ein Blatt dieser Corona-Blume ist die ehrliche Angst vieler Politiker, ohne drastisches Handeln Tote zu verschulden. Ein weiteres fügte der Bundesrechnungshof hinzu: Finanzielle Anreize des Bundes führten dazu, dass Krankenhäuser ihre Intensivstationen kleinrechneten und so die „Corona-Lage“ dramatisierten. In unrezensierten oppositionellen Bestsellern wie auch in weniger regierungskritischen Büchern werden noch andere Interessenkreise diskutiert, die Einfluss auf das Geschehen haben könnten.

Ob Kritiker oder Befürworter – gehen wir davon aus, dass im „Krieg gegen das Virus“, wie in anderen Kriegen auch, die Wahrheit zu den ersten Gefallenen gehörte. Können wir noch ergebnisoffen miteinander diskutieren, um ihr wieder auf die Beine zu helfen?

Der promovierte Philosoph Michael Andrick lebt in Berlin. Sein letztes Buch „Erfolgsleere“ ist zugleich Gegenwartsdiagnose der Industriegesellschaft und Heranführung ans Philosophieren.