Keinohrhase und Zweiohrküken: Til Schweigers innerer Hase

Til Schweiger ist der deutsche Star. Dem attraktiven Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur und Produzenten ist es gelungen, auch über die die Landesgrenzen hinaus wahrgenommen zu werden. Seine romantischen Beziehungskomödien erweisen sich regelmäßig als Kassenknüller, als knallharter Tatortkommissar erzielt er Traumquoten und jede Äußerung von ihm findet großen medialen Widerhall. Til Schweiger ist außerdem ein Mensch, der die Deutungshoheit über sein Tun unbedingt für sich reklamiert und die Dinge gern unter Kontrolle hält. Doch so smart er sich als erfolgreiche Marke auch etabliert hat, eines kann selbst das Multitalent nicht verhindern – Ende diesen Jahres wird Til Schweiger 50 Jahre alt werden. War er zuletzt ja vor allem als mindestens jungenhafter Traummann, extrem cooler Vater oder unkaputtbarer Actionheld zu sehen, versucht er mit seinem jetzt startenden Film offenbar, neues Terrain jenseits ungebrochener Männlichkeit zu ergründen, nämlich als sagen wir mal bestenfalls interessant aussehender Hase.

„Keinohrhase und Zweiohrküken“ heißt der Animationsfilm, in dem Til Schweiger einen ohrlosen, dickbäuchigen und stark überbissigen Hasen mit dem Sexappeal eines in die Jahre gekommenen und nicht wirklich intelligent wirkenden Gemeinschaftskundelehrers spricht. Einen Hasen, der zwar alles kann, was Hasen eben so können müssen, aber wegen der fehlenden Lauscher von seinen korrektbeohrten Artgenossen und den übrigen Waldbewohnern verspottet wird. Als ihm eines Tages ein Ei vor die Haustür rollt, ergreift er die Chance und will endlich die sehnlichst erwünschten Freundin finden. Denn dem Ei entschlüpft schließlich, und für den Zuschauer nicht gänzlich überraschend, das freche Zweiohrküken (gesprochen von Til Schweigers Tochter Emma). Zwischen den beiden Irrtümern der Natur entspinnt sich eine innige und von gegenseitiger Achtung getragene Freundschaft, die auch missgünstigen Hasen, Bären und Füchsen trotzt. Die beiden sind sich mithin selbst genug. Das entspricht, auf Kindergartenniveau heruntergebrochen, in etwa der Haltung, die Til Schweiger gern gegenüber der Filmkritik einnimmt. Hier die (moralische) Werte schaffenden Sympathieträger, dort die mit ihrem Schicksal hadernden phantasielosen Verlierer, die neidisch und krittelig auf die glückliche „Kleinfamilie“ reagieren. Schweiger dreht ja bevorzugt mit seinen Töchtern und wiederkehrenden Freunden.

Spießige Enge

So treu sich Til Schweiger also auch in diesem Heile-Welt-Kinderanimationsfilm einerseits bleibt, so überraschend ist doch die biedere Anmutung des Films. Wirken die Interieurs seiner neueren Filme sonst stets wie direkt aus der hippen Wohnzeitschrift übernommen – nie ohne riesige offene Küche! – ist das Haus des Hasen ein innenarchitektonischer Gau. Über die beschauliche 50er-Jahre-Küche und das piefige Wohnzimmer mit der Karottentapete kann auch all die Farbe nicht hinweghelfen: der Eindruck spießiger Enge ist erdrückend.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Animation zwar kleinkindtauglich solide, aber nie superb daherkommt (die 3D-Projektion war bei der Vorführung allerdings auch ausgefallen). Das ist um so erstaunlicher, zeichnen sich Til Schweigers unrealistische Realfilme von den „Keinohrhasen“ über „Kokowääh“ bis zum „Schutzengel“ doch in der Erschaffung perfekter Oberflächen aus. Schöne Menschen die in ästhetisierten Kulissen zu eingängiger Popmusik durchs Leben rocken, gehörten bislang zum verlässlichen Standard. Geblieben ist davon allein der ziemlich dominante Soundtrack.

Nun haben der Keinohrhase und das Zweiohrküken ja schon eine längere gemeimsame Geschichte. Ihr aktuelles Aussehen schulden sie dabei wesentlich dem Kinderbuchautor Klaus Baumgart („Lauras Stern“), der sie für das zusammen mit Schweiger realisierte Bilderbuch gleichen Namens illustriert hat. Die Geburtsstunde des Plüschtiers liegt indes weiter zurück. In „Keinohrhase“ (2007) verdankt der mitleiderregende Stoffhase seine Gestaltwerdung zunächst den mangelnden Nähkünsten der unstet-arroganten Hauptfigur (Til Schweiger), wird dann aber zu so etwas wie dem Symbol für das verletzbare und aufrichtig liebende Innere des Frauenhelden. Doch irgendwie können wir uns Til Schweiger bis heute nicht als im Kern sensiblen Hasen vorstellen, dem Äußerlichkeiten nachrangig wären. Eines ist dagegen sicher: der Mann hat auch als Vermarktungsstratege Starqualitäten.

Keinohrase und Zweiohrküken D 2013. Regie: Til Schweiger, Maya Gräfin Rothkirch; Drehbuch: Til Schweiger, Klaus Baumgart, Thilo Graf Rotkirch; Sprecher: Til Schweiger, Emma Schweiger, Matthias Schweighöfer, Rick Kavanian; 75 Minuten, Farbe