Nie hätte man für möglich gehalten, einen solchen Satz aus dem Mund des vielleicht bekanntesten Pianisten der Welt zu hören, dessen Album „The Köln Concerts“ das meistverkaufte Soloalbum in der Geschichte des Jazz ist. Aber Keith Jarrett hat ihn gesagt: „Im Moment fühle ich mich nicht als Pianist.“ Wahrscheinlich, eigentlich sogar sicher, wird er nie mehr öffentlich auftreten. Sein letztes Konzert hat im Jahr 2017 stattgefunden. Damals spielte er in der Carnegie Hall, ein unvergesslicher Auftritt, nicht nur, weil Jarrett meisterlich mit der Spannung zwischen Genauigkeit und seiner speziellen Art des schöpferischen Loslassens spielte. An diesem Abend bezog er auch Stellung zu dem erst kurz davor gewählten neuen US-Präsidenten namens Donald Trump. „Das ist das Gegenteil von dem, wie ich weiß, dass das amerikanische Volk ist.“

Die New York Times hat länger mit ihm telefoniert, und nun weiß man, warum er seine letzten Konzerte abgesagt hat. Damals war nebulös von gesundheitlichen Problemen die Rede gewesen. Jetzt hat der 75 Jahre alte Musiker erklärt, dass er Anfang 2018 zwei Schlaganfälle erlitten hat, dass er halbseitig gelähmt war und immer noch Lähmungserscheinungen hat. „Ich kann an einem Stock gehen, aber das hat lange gedauert – ein Jahr oder länger.“ Fast zwei Jahre habe er in einem Pflegeheim gelebt. Und dann die herzzerreißenden Sätze: „Wenn ich zweihändig gespielte Klaviermusik höre, ist das sehr frustrierend. Weil ich weiß, dass ich das nicht könnte. Und es ist nicht zu erwarten, dass ich es jemals wieder können werde.“

Er spielt nun mit der rechten Hand, versucht eine neue Beziehung zu seinem Instrument aufzubauen. Irgendwie wird das gehen vielleicht. Aber die andere Beziehung, die für den Musiker Keith Jarrett höchst wichtig war, die seine Performance beeinflusste, ja bestimmte, ist wohl für immer verloren. Es ist die Beziehung zu seinem Publikum im Konzertsaal.