Geh fort von mir. Komm näher. Sei klein. Sei ganz groß. Lass Dich fallen. Komm über mich. Komm zu mir. Sei schwach. Ich will hilflos sein. Ich will Dich beherrschen. Sei stark. Bitte beherrsche mich. Zeig mir, wer ich bin. Zeig es mir lieber nicht.

Weiß diese Frau, was sie will? Keinesfalls. Aber sie besingt diesen Zustand in der entschlossensten und schönsten Weise, die man sich denken kann. Bei der Verkündung ihrer Selbstzweifel und Selbstwidersprüche duldet sie keinen Widerspruch und keinen Zweifel. Gegen splitternde, stolpernde, zuckend krabbelnde Beats singt sie mit sicherer Soul-Stimme vom Tumult der Gefühle und von trügerischen Ruhemomenten. Gegen eisig klirrendes, metallenes Klackern kündet sie von Sehnsucht, Lust, Schmerz und Verführung. Aus dominant lockendem Gurren in kaltem Alt steigt sie umstandslos in heiß-hohes Hauchen hinauf. Und fällt dann durch alle stimmlichen Register hindurch wieder ganz tief hinab: eine nie ermüdende Bewegung, die auf der Bühne dann auch noch ihren gesamten Körper ergreift. Wie ein zorniges Robotermädchen ruckelt sie zu den ratternden Beats; keck wirbelt sie ihren asymmetrischen Rastaschopf durch die Luft, um dann plötzlich wieder düster drohend zu erstarren; aus den Geräten der beiden DJs am Bühnenrand knallt nun ein ganzes Pistolenfeuer heraus oder ein Chor aus schnalzenden Peitschen.

Romantische Brutalität

Kelela heißt diese atemberaubende R’n’B-Sängerin, die in der Nacht zum Sonntag in der Berghain Kantine ihr erstes Berlin-Konzert absolvierte. Eine Stunde lang nur sang sie die Lieder aus ihrem Albumdebüt „Cut 4 Me“ sowie ein paar neue Tracks. Aber diese Stunde hat zweifellos zu den kostbarsten Momenten im bisherigen Konzertjahr gehört, so berührend und manchmal verstörend war die Intimität ihrer Lieder, und so erregend war die Schroffheit der Beats, die den gefühlvollen Gesang kontrastierten: eine romantische Brutalität, wie man sie im Pop gegenwärtig kein zweites Mal findet.

„Cut 4 Me“ ist schon im letzten Winter auf Fade to Mind erschienen, dem Label des New Yorker Clubmusikproduzenten Ezra Rubin alias Kingdom. Eine ganze Reihe der gegenwärtig aufregendsten jungen Elektro-Avantgarde-Protagonisten hat daran mitgewirkt: So kann man die heruntergepitchten Rhythmen des Witch House (etwa in dem Stück „Do It Again“) ebenso hören wie die veitstanzhaft zuckenden Beats aus dem Footwork-Genre (in dem großartigen „Enemy“), es gibt räudigen Grime und eleganten Post-Dubstep und futuristischen R’n’B nach Pharrell-Williams-Art. Und doch hat man niemals den Eindruck, es hier mit einem technisch überzüchteten Showcase zu tun zu haben oder mit einem gewollt sperrigen Underground-Werk.

Denn alles ordnet sich der Aura der Sängerin unter, greift sie an und vergrößert sie so. Mit dem souveränen, doch nie gespreizten, nie unnötig extemporierenden Gesang von Kelela stehen die elektronischen Sounds in der schönsten spannungsreichsten Beziehung. Immer wieder schmiegen die Rhythmen und Bässe sich unter die Stimme – um sich im nächsten Moment wieder gegen diese zu sperren, um den Raum um sie herum zum Erzittern zu bringen und die Geradlinigkeit der Melodie zu zerstören.

Innere Zerissenheit

Man kann, wenn man will, Post-R’n’B dazu sagen. Jedenfalls haben sich im letzten Jahr unter diesem Begriff diverse Künstlerinnen und Künstler am Widerstreit zwischen kalten, komplexen Beats und lebendigem Soul versucht. Etwa die ebenfalls kalifornische R’n’B-Sängerin Banks, die auf ihrem Debüt „Goddess“ zu Kakophonien aus Vocoderstimmen und Knickersounds barmt. Oder die junge Londonerin FKA Twigs, die zu zart tropfenden Rhythmen von emotionaler Durstigkeit singt und mit ihrer ersten LP „LP1“ zur Zeit zu den Lieblingen der Kritikerzunft gehört (ihr Produzent Arca hat auch an Kelelas neuem Song „The Message“ mitgearbeitet).

Doch nutzt keine von beiden und auch niemand sonst den Kontrast zwischen Stimme und Sounds so konsequent als Ausdruck einer inneren Zerrissenheit. Für sie, hat Kelela gesagt, sei das auch keine rein künstlerische Entscheidung gewesen, sondern ein Spiegel ihrer Jugend und Sozialisation. In ihrem gesamten bisherigen Leben habe sie – Tochter äthiopischer Immigranten – nie das Gefühl gehabt, irgendwohin zu gehören oder zu irgendwem; sie sei immer „othered“ gewesen, ausgeschlossen, als Andere abgestempelt. Und irgendwann sei die Fremdheit, die sie überall spürte, tief in ihr Innerstes gerückt.

So ist bei Kelela – das war neben aller musikalischen Kunstfertigkeit der berührendste und bleibendste Eindruck an diesem Abend – der oft schon variierte Widerspruch zwischen Wärme und Kälte, Mensch und Maschine zum Spiegel eines allzumenschlichen Dramas geworden. Es ist das Drama eines Ichs, das sich in stetem Kampf gegen das eigene Fremdsein befindet – und dabei zugleich zu begreifen beginnt, dass es am fremdesten immer noch sich selber ist.

Es gibt kein Happy End in diesem Drama. Doch schimmert in der Schönheit der Musik von Kelela das Glück eines Friedens auf, in dem wir erkennen, dass wir auch ohne inneren Frieden zum Glück finden können. Nicht aber ohne die innere Zerrissenheit, aus der jene Sehnsucht erwächst, die allein uns am Leben hält.