Mit weicher Oberfläche, aber nagelkopfartigen Tentakeln und erstmals in Gruppe: Virus-Darstellung der WHO.
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BerlinWie der Virus SARS-CoV-2 wirklich aussieht, der zur Gruppe der Corona-Viren gehört und die Atemwegserkrankung Covid 19 auslösen kann, wissen nur die Wissenschaftler, die ihn unter ultrascharfen Mikroskopen beobachten. Die Fotografien, die sie veröffentlichen, zeigen seltsam amöbenförmige, leicht eingefärbte Strukturen. Schon das ist ein Wunder der Optikindustrie.

Alle anderen Menschen müssen sich mit grafischen Abbildungen des Virus bescheiden, die Wissenschaftsgrafiker gestaltet haben. Solche Abbildungen aber sind, das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der kunst- und wissenschaftshistorischen Forschung in den vergangenen Jahrzehnten, alles andere als neutral.

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Grafiken knüpfen an vorhandene Muster an

Sie sind wie alle Kunstwerke, ob die Gestalter das wollen oder nicht, auch Bilder von  gesellschaftlichen und kulturellen Interessen und  Konflikten. Um nämlich Wirkung erzielen zu können, müssen die Gestalter an kulturelle und ästhetische Muster anknüpfen, die bereits vorhanden sind. Sie müssen die Betrachter „abholen“. Anders ausgedrückt: Die Darstellung einer Maria mit Kind ist so lange nur eine Frau mit Baby im Arm, wie die Betrachter nicht aus ihrer kulturellen Erfahrung heraus wissen, dass der blaue Mantel und der Strahlenkranz um sie herum „Maria“ und „Muttergottes“ bedeutet.

Auf das Virus SARS-CoV-2 übertragen, müssen die Betrachter erkennen können, dass es sich um etwas anderes handelt als um einen Golfball. Schon jetzt zeigt sich aber, dass sich die Darstellungen von SARS-CoV-2 teilweise fundamental voneinander unterscheiden. Die Frage ist also: Wie unterscheiden sie sich und warum ist das so? Die Suche im Internet mit seinen Millionen von Abbildungen des Virus beginnt.

Seltsam, aber nicht wirklich gefährlich: Kühle Virus-Abbildung des amerikanischen Center für Deseases Control and Prevention.
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Das immer noch am weitesten verbreitete Abbild von SARS-CoV-2 ist jenes, das Mitte Februar vom amerikanischen CDC, dem Center for Deseases Control and Prevention publiziert wurde. Dieses ist dem deutschen Robert-Koch-Institut vergleichbar und allein der öffentlichen Gesundheitsfür- und vorsorge verpflichtet. Die von ihm veröffentlichte Grafik erscheint geradezu kühl, eine graue, porige Kernkugel mit schlanken Tentakeln und dreieckig darüberschwebenden roten Köpfen sowie symmetrisch zwischen diesen platzierten orangenen und gelblichen Einzelpunkten.

Gefährlich erscheint dieser Ball erst einmal nicht, sondern nur als eine von vielen für den Menschen seltsam aussehenden Lebensformen. Die grafische Nüchternheit ist kein Zufall, sondern Programm: Das CDC hält sich damit in Wahlkampfzeiten aus der politischen Vereinnahmung durch entweder Demokraten, die teilweise einen totalen Umbau des amerikanischen Gesundheitssystems fordern, oder durch die Republikaner um Präsident Trump, der vor kaum einer Woche noch die Bedeutung des Virus regelrecht leugnete und inzwischen Kriegsausbruch-Stimmung schürt, heraus.

Mit Tentakeln wie Nagelköpfe

Das CDC-Modell in seiner klaren, auch grafisch einleuchtenden Form wird inzwischen in vielen Verfremdungen genutzt, wenn etwa an die Stelle des grauporigen Kernkörpers eine blaue Weltkugel tritt, in die eine Spritze hineingestochen wird. Aber es gibt seit dem 12. Februar, als die Weltgesundheitsorganisation WHO den neuen Namen der Lungenkrankheit Covid 19 bekannt gab, ein Alternativbild, das bereits deutlich weniger abgeklärt erscheint: Die WHO zeigte den Virus als hellbraunes Kügelchen mit langen und beweglich erscheinenden Tentakeln darauf, deren weich gerundete dreiseitige Enden an Nagelköpfe erinnern. Die Oberflächen erscheinen gewebeartig flexibel. Vor allem aber ist auf dieser WHO-Darstellung der Virus nicht mehr alleine, sondern Teil einer Gruppe, die durch einen noch indifferenten Hintergrundraum zu schweben scheint.

Seit diese Darstellung erschienen ist, werden die Grafiken des Virus SARS-CoV-2 immer dynamischer, kraftvoller, auch fantasievoller: In der in Florida erscheinenden Village News wurde eine Hippie-lustige Abbildung mit blaugrün pulsierenden Kernkörper benutzt, auf dem Tentakel mit roten Enden sitzen, die nun unterschiedlich lang sind. Hier schwebt der Virus durch eine blauschimmernde Umgebung mit viel Licht von oben und kleinen, schwebenden weißen Partikeln. So etwa sieht das Bild des Meeres um das warme Florida herum aus, wie es Taucher  gerne betrachtet haben. Auf anderen Darstellungen wird die Umgebung blutrot und fließend, der Virus ist kompakter und schillert in fiesen Lila- und Dunkelbraun- oder Rottönen wie eine riesig vergrößerte Himbeere. Und immer erscheint der Virus nun in Gruppen, mal militärisch straff organisiert, mal guerillaartig locker geordnet.

In Frankreich erscheint der Virus comicartig

Viele dieser Darstellungen erinnern an schlechtere Science-Fiction- und Raumfahrtfilme der 70er-Jahre. Geradezu marsmännchengrün sind Darstellungen mit kraftvoll vorwärtsstoßenden Tentakelwesen, die offenbar besonders in Frankreich beliebt sind – ist das der Einfluss der dort so hoch stehenden Comic-Kultur? Andererseits findet man genau diese Abbildungen auch auf manchen Seiten in Taiwan, dem einzigen Teil Chinas, der demokratisch regiert wird und sich auf dieseWeise als Teil der freien Welt inszenieren kann.

Auch sonst sind politische Botschaften zu identifizieren: Die amerikanische Firma GAMA Healthcare zeigte noch am 12. Februar den Virus als eine Art toten Stern mit dunkelviolett eingeschrumpftem Kernkörper und wenigen mattgelben Tentakeln. Damals war die offizielle Politik Washingtons noch, dass alles nicht so schlimm werde und Amerika geschützt sei. Jetzt illustriert ihn die gleiche Firma – die Regierung betrachtet die USA nun im „Krieg“ gegen den Virus – im aggressiven Gruppenverband mit spitz vorstechenden Tentakeln, schlillernd zwischen Feurigorange und Feurigrot.

Vorformung der Merkel'schen Coolness

Und die Bundesrepublik? Seit Beginn der Berichterstattung nutzen das Robert-Koch-Institut und die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung das immer gleiche Bild: Der Virus im technischen Querschnitt auf hellblauem Grund. Ein Bild, das fast wie eine Bastelanleitung aussieht. Die einzige Information, die man ihm entnehmen kann, ist: Verlasst euch auf unsere differenzierteren Nachrichten, Bilder sind zu einfach für dieses Thema. Anders ausgedrückt: Das Bild vom Virus hat die coole Reaktion von Merkel-Deutschland vorgeprägt.