Berlin - Der zeitlebens rastlose Fotograf und Filmemacher Chris Marker hat dieses Fazit hinterlassen: „Und wenn der lange Weg zu Ende geht, ist nichts vollkommen.“ Dem Foto-Enthusiasten Ulrich Domröse gefällt der Satz. Er hat Vorschläge gemacht. Und man hat sie angenommen, sogar schon zu DDR-Zeit. Im Brecht’schen Sinn hat er etwas erreicht, das bleibt, ohne vollkommen zu sein.

Was Domröse erreicht hat, verbleibt in der Berlinischen Galerie, als handverlesen gesammelte, gut aufgearbeitete Konvolute. Und nun geht er in Rente, macht das, was er schon immer mal machen wollte. Zeit in der Natur verbringen, die Stapel von ungelesenen Büchern lesen. Und irgendwann vielleicht wieder eins über Fotografie schreiben.

Der Fotokurator, geboren 1955 im sachsen-anhaltinischen Ziesar, hat der Fotokunst mit Leidenschaft gedient. Der Karton mit den persönlichen Utensilien ist gepackt, der Arbeitstisch leer. Die Nachfolgerin soll nichts nachräumen müssen. Am 1. Dezember übernimmt die Hamburgerin Katia Reich die Stelle der Fotografie-Kuratorin. Der Corona-Lockdown hat auch das Landesmuseum in den Dornröschenschlaf versetzt. Und so ist schon ein bisschen Wehmut im Spiel, wenn Domröse jetzt in aller Stille aus dem menschenleeren Haus geht und an seine letzte, massenhaft besuchte Ausstellung zu Otto Umbehr, genannt Umbo, denkt. Zuvor war ihm der Ankauf des Nachlasses dieses einzigartigen Straßenfotografen, Porträtisten und Foto-Experimentators der 1920er-Jahre gelungen.

Foto: dpa/Britta Pedersen
Blick in die finale Ausstellung  Ulrich Domröse über den 20er-Jahre-Fotopionier Umbo vergangenen Februar in der Berlinischen Galerie.

Schon als Student der Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin habe er gewusst, erzählt Domröse, dass die Fotografie sein Thema sei. „Es gab so starke Fotografie im Osten.“ Fotografie, die sich am „Family of Man“-Vorbild, dieser zutiefst humanistischen Fotografie etwa eines Edward Steichens, orientierte, an den Magnum-Fotografen, an der Straßenfotografie der Weimarer Republik. Der Bereich Fotografie im Verband Bildender Künstler der DDR (VBK) hatte viel Zeit gebraucht, um das Medium als Kunst zu akzeptieren, ab 1980 war das endlich erreicht. „Im VBK war Gudrun Urbaniak sehr an Fotografie interessiert“, so Domröse. „Sie hatte begriffen, dass die Fotografie das kommende Medium ist, das die Jugend anzieht.“

Sie sorgte dafür, dass er einen VBK-Werkvertrag und Geld für Ankäufe bekam und Ausstellungen machen konnte, zu denen die Leute in Scharen kamen. Etwa in der von ihm und dem Fotokenner Ralf Herzig 1985 gegründeten und bis heute aktiven Fotogalerie am Helsingforser Platz. Dort war zu sehen, wer sich dem realen Leben mit subjektiver Kamerasicht oder mit Experimentierlust näherte.

Als die Mauer fiel, hatte er profunde Konvolute der DDR-Fotokunst-Legenden beisammen. Dann löste sich der VBK auf. Die Mappen stapelten sich zu Hause, gehütet wie Juwelen. Zu seiner Überraschung holten ihn 1991 der Fotokurator der Berlinischen Galerie Janos Frecot und der damalige Direktor Jörn Merkert ans Landesmuseum. Die Fotografie der DDR-Zeit ging als Schenkung des abgewickelten VBK ein in die Berliner Fotogeschichte. Museumswürdig wurden Sibylle Bergemann, Arno Fischer, Helga Paris, Manfred Paul und Ulrich Wüst, um nur einige zu nennen.

2002 trat Domröse die Nachfolge von Frecot an, der in Rente ging. Verantwortung für rund 80.000 fotografische Werke, für eine der bedeutendsten Fotosammlungen Deutschlands. Schwerpunkte sind die Porträt- und Stadtfotografie, Neuansätze der Autorinnen- und Autor-Fotografie seit den 70er-Jahren. Letzteres ein Steckenpferd von Domröse, der seinem Museum herausragende Arbeiten der zeitgenössischen Fotoszene anschaffte, Serien von Michael Schmidt, den Nachlass Christian Borcherts, Werke von Dieter Appelt, Thomas Demand, Thomas Florschuetz, Boris Mikhailov, Viktoria Binschtok, Tobias Zielony, Seiichi Furuya und Loredana Nemes.

Fotogeschichte schrieben seine Ausstellungen: „Positionen künstlerischer Fotografie in Deutschland“, 1997, später „Blicke und Begehren. Der Fotograf Herbert Tobias“, 2008, „Friedrich Seidenstücker. Fotografien 1925–1958“, 2011, „Die Geschlossene Gesellschaft. Künstlerische Fotografie in der DDR“, 2012, „Tobias Zielony. Jenny Jenny“, 2013, „Die fotografierte Ferne“, 2017. Und mit „Umbo. Fotograf. Werke 1926–1956“ schließt sich der Kreis. Ulrich Domröse hat den Fotokunst-Acker des Hauses gut bestellt; den kann die neue Kuratorin mit neuen Ideen bepflanzen.