Achtung, Feind hört – und guckt – mit! Ostberlin Ende der Siebzigerjahre bis zum Exodus der DDR, Prenzlauer Berg, Schönfließer Straße 21. Wilfriede Maaß’ Parterre-Keramikwerkstatt zum Hof, mit angrenzender Wohnung, war damals ein offener Geheimtipp. Die Leute kamen, kauften, was überreichlich in den Regalen stand. Davon konnten etliche Künstler eine Zeit lang leben. Gerade dann, wenn sie ansonsten nichts mehr verdienten, weil sie einen Ausreiseantrag gestellt hatten.

Die – unauffällig-auffällig stasi-überwachte – Brutstätte der künstlerischen Opposition symbolisiert ein riesiger Brennofen, darin aufgestapelt Gefäße aus Ton. Der aus Zwickau stammende Fotograf Thomas Florschuetz hat diese Aufnahme von damals gleichsam zur Ikone vergrößert. Jetzt, im Herbst 2014, klebt sie zusammen mit anderen Großfotos von der legendären Keramikwerkstatt Wilfriede Maaß wie Tapete an den Wänden der Pankower Galerie Forum Amalienpark.

Derart illusorisch wird die damalige Situation, nun, 25 Jahre nach dem Mauerfall, noch einmal beschworen. Diese Atmosphäre von Freundschaft, trotzig-aufmüpfigem Zusammengehörigkeitsgefühl – und dazu das kostbare Gefühl von Freiheit, innerhalb der Räume, beim Reden und beim Tun.

Alles ist wieder da: Die warme Werkstatt, wo sie experimentierten, wilde Figurenzeichen malten und in die Glasur ritzten. Und jener große Küchentisch, an dem sich jeder aussprach, in einem vermeintlich geschützten Raum, an dem Künstler, Musiker, Poeten wie Bulat Okudshawa, Dichter wie Bert Papenfuß-Goreck, Volker Braun, Peter Brasch, Uwe Kolbe, Franz Fühmann, Elke Erb, auch Heiner Müller, Christa und Gerhard Wolf saßen. Namhafte Ausreisekandidaten wie Cornelia Schleime, Ralf Kerbach, Helge Leiberg hockten da einvernehmlich neben jenen, die auf jeden Fall bleiben, die DDR noch irgendwie reformieren wollten. Alle zusammen erträumten sie eine freiere Welt als die unter der Glasglocke des vormundschaftlichen Staates.

Aber am gastlichen Küchentisch von Wilfriede und Ekkehard Maaß, dem Musiker und Biermann-Freund, saß auch Sascha Anderson, dieser sich so überaus oppositionell gerierende Stasispitzel (soeben kam ein Dokumentarfilm über ihn in die Kinos, Berliner Zeitung, 1. Oktober, Seite 23), der sich ins Vertrauen und bis ins Herz der Gastgeberin eingeschlichen hatte und die Freunde über Jahre gut zu täuschen wusste.

Nun geht es in dieser Ausstellung „Brennzeiten“ – kuratiert von Ingeborg Quaas, Henryk Gericke sowie den Malern Sabine Herrmann und Klaus Killisch – zwar auch in einer Art Subtext um den stasi-überschatteten kreativ-renitenten und feierfröhlichen Geist der einstigen Künstlergemeinschaft. Dieses Kapitel aber wird vor allem im Begleitbuch aus dem Lukas Verlag verhandelt.

In den Galerieräumen dominiert die eigenwillige keramische Maler-Kunst, die begehrt war in Ost und West und deretwegen sich die Protagonisten auch nach 1989 – bis 1998 – noch öfter zur Werkstattarbeit, da schon an anderer Adresse, in der Gipsstraße in Mitte, trafen. Hier wurde die Liste der Werkstatt-Benutzer noch um einen Tick prominenter. Leipziger wie Neo Rauch und Carsten Nicolai malten nun auch auf Keramik. Ebenso der Schwede Mikael Erikson, der ein damals aus bemalten Fliesen gebautes Europäisches Haus für die jetzige Ausstellung noch einmal herstellte.

Ende der Neunziger zog Wilfriede Maaß weg aus Berlin, zurück in die alte Heimat an die Ostseeküste. Ihr vor allem ist die Pankower Schau gewidmet, ohne sie hätte es die Ostberliner „Brennzeiten“ ja nie gegeben. Man wähnt sich durch die fotografische Raumrekonstruktion mittendrin wie in den Achtzigern, steht zwischen Wannen und Schüsseln mit feucht gehaltener Tonerde, bewegt sich vorsichtig zwischen zum Trocknen aufgestellter Tischladungen voller irdener Gefäße.

In den anschließenden Galerieräumen ist ausgebreitet, was die anarchischen Künstler-Punks, dieser Dorn im Auge der Staatsmacht und ihrer Exekutive, gemeinsam fabriziert hatten – vor oder nach ihren subversiven Debatten über Freiheit im Allgemeinen und die künstlerische im Besonderen. Hier setzten Dutzende bekannter Maler, Grafiker, Bildhauer aus Berlin, Dresden, Leipzig, Karl-Marx-Stadt auf die von der Töpferin Maaß vorgeformten Teller, Tassen, Vasen, Krüge, Kannen – und zwar ganz im Gestus der „Jungen Wilden“ – ihre Motive.

Der klassische Expressionismus feierte Urständ im Maaß’schen Keramikatelier und vereinte sich mit dem Abstrakt-Expressiven, das die Amerikaner nach dem Krieg nach Europa gebracht hatten. Und ebenso experimentierten die Brennzeiten-Künstler, gerade die Dresdnerin Angela Hampel, mit surrealistischen Motiven. Und andere wiederum mit konstruktivistischen, Op- und Pop-artigen Formen, denen der westlichen Moderne eben.

Zugleich entstanden viele Künstlerbücher; die Grafiken und Gemälde dazu füllen einen weiteren Galerieraum. Wohl überflüssig zu erwähnen, welch zauberischer, auch melancholischer Kontext sich von da zu all den Tellern, Tassen, Kannen voller oppositioneller Zeichen herstellt. Damals, als noch alles möglich schien.

Galerie Forum Amalienpark, Breite Str. 2a, Pankow. Bis 25. 10., Di–Fr 14–19/ Sa 11–16 Uhr. Veranstaltungen: 10. 10., 19.30 Uhr: Von der Küchenlesung zur Keramikwerkstatt. Am 16. 10., 19.30 Uhr: Von der Keramikwerkstatt zur Galerie Wilfriede Maaß.

Im Lukas Verlag erschien „Brennzeiten. Die Keramikwerkstatt Wilfriede Maaß – 1980-1989-1998. Ein Zentrum des künstlerischen Offgrounds in Ost-Berlin“.