Spieler von SV Waldhof Mannheim und Viktoria Köln knien nieder und setzen mit einer Schweigeminute ein Zeichen gegen Rassismus.
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BerlinDie als französisch geltende Geste, sich zur Begrüßung, und sei es auch nur andeutungsweise, auf die Wange zu küssen, ging in meinem Fall häufig schief. Selbst im freundschaftlichen Zusammenspiel mit einer in Paris lebenden Freundin, einer Berlinerin, kam es häufig zu Kollisionen, weil ich mir nie habe merken können, mit welcher Wange man eigentlich beginnt. 

Endlich, so könnte ich aufatmen, ist Schluss mit dieser Verlegenheit. Corona hat diese körperliche Annäherung ein für alle Mal aufgehoben. Es ist jedenfalls mehr als unwahrscheinlich, dass es bald wieder zur freundlichen Wangenberührung kommen wird. Aber ich ahne, dass ich genau das einmal vermissen werde, auch wenn ich mir für den Corona-Moment angewöhnt habe, die Arme zur Begrüßung auszubreiten, um damit das Bedauern anzuzeigen, dass es bis hierhin, aber nicht weiter geht. Einfacher ist es mit dem Pendant unter Männern: sich grobschlächtig mit manchmal schmerzhaften Folgen zu umarmen und dabei kräftig auf die Schulterblätter zu klopfen. Kerle, die sich begrüßen, prügeln sich nicht.

Aber sie wären doch jederzeit in der Lage dazu. Den rapiden Wandel der Begrüßungsrituale bedaure ich in diesem Fall ausdrücklich nicht. Die Veränderungen des zeremoniellen Repertoires sind keineswegs nur eine Folge der Pandemie. Im Bereich des Sports etwa ist eine Art popkulturelle Codierung antirassistischer Statements zu beobachten. Wurden dort wegen des ausdrücklichen Verbots politischer Botschaften lange eher uneindeutige oder versteckte Zeichen praktiziert, so wurden Solidaritätsbekundungen für den durch einen Polizisten getöteten Afroamerikaner George Floyd zuletzt sogar von den Verbands- und Vereinsspitzen belobigt. Weil es einem großen gesellschaftlichen Konsens entspreche, sollen solidarische Gesten nicht länger unter Strafe stehen. Es wird auch den Fußball verändern, wenn zeichensprachlich demnächst alles erlaubt ist.