Die Berliner Schriftstellerin Kerstin Hensel
Foto:  Sabine Gudath

BerlinRegenbeins Farben, die dem neuen Buch von Kerstin Hensel den Namen geben, leuchten nicht. Sie riechen zuweilen „gasig, kalkig, schwefelscharf“. Karline Regenbein stellt sie aus Baumaterial und Abfällen her. Das macht die besondere Wirkung ihrer Bilder aus, hat aber auch dafür gesorgt, dass sie als Künstlerin Außenseiterin blieb. Im Laufe dieser Novelle ändert sich das.

Vier Personen – drei Frauen und einen Mann – versammelt die 1961 geborene Lyrikerin und Erzählerin Kerstin Hensel regelmäßig zur Grabpflege unter Kerosin-Flöckchen auf einem Friedhof in der Einflugschneise eines Flughafens. Mit Schilderung der Blütezeiten und des Vogelflugs setzt sie Zeichen für das Vergehen der Zeit zwischen den Treffen.

Drei Damen und ein Mann

Karline Regenbein, 49 Jahre alt, kommt aus einem Arbeiterhaushalt. Ihr verstorbener Gatte, deutlich älter als sie, wollte sie als sein Anhängsel berühmt machen. Lore Müller-Kilian, Industriellenwitwe mit großer Hutsammlung, erlesener Kleidung und stetem Champagner-Bedarf, will selbst bestimmen, wann sie 70 wird. Kommt sie auf den Friedhof, liest sich das so: „Kurz vor dem Grab ihres Mannes tänzelt sie, als müsse sie der Verwesung, die sich unter ihr vollzieht, etwas entgegensetzen.“

Die Kunstwissenschaftlerin Ziva Schlott war als Kind mit ihren jüdischen Eltern von Land zu Land geflohen. Nun, als 85-Jährige, mit der Erfahrung des Lehrens in der DDR und der Abwicklung nach der Wende sieht sie das Leben nur noch „als Geburtskanal des Todes“. Alle drei Damen sind ihrem Friedhofsgesellen Eduard Wettengel bereits früher begegnet. Nur seine Frau, um die er trauert, haben sie nie gesehen. Er ist Mitte 50 und hat eine Galerie.

Frauen haben Talent, Männer sind Genies

Führt Hensel die Figuren zusammen, konkurrieren die Frauen auf zugleich liebenswerte und lächerliche Weise um den Mann, da trägt eine mal ein „missgunstfarbenes Gewand“, spürt eine andere die „Dampfwalze Erinnerung“. Es geht ums Sehen und Gesehenwerden. „Frauen, die Großes leisten“, bemerkt die  Malerin, „besäßen Talent, Begabung oder eine besondere Fähigkeit. Männern hingegen spräche man Genie zu.“

 Ihr Lebens-Auf-und-Ab vergleicht sie mit einem Jojo. Sie fasst alles in ein Bild, das auch die Novelle selbst charakterisiert: Das „osmotische Durchdringen von Jugend und Alter, Schlichtheit und Weltgeist, Makel und Vollendung“.  

Der Mann in der Geschichte verspricht den drei Frauen Freundschaft und Dienstleistung (eine Ausstellung), er kommt und verschwindet unerwartet. Der Friedhof bleibt die einzige Konstante hier, der Ort, an dem sie irgendwann dauerhaft vereint sein werden.

Kerstin Hensel spart nicht mit Sarkasmus, wenn sie von Leuten erzählt, die das Abstellgleis des Lebens noch einmal verlassen möchten und auf dem Weg über ihre eigenen Füße stolpern. So komisch die meisten Situationen wirken, so traurig sind sie zugleich. Als die Kunstprofessorin Ziva Schlott in derangiertem Zustand gefragt wird, ob sie gestürzt sei, sagt sie: „Ja, in den Jungbrunnen! Das Dumme ist nur, es war kein Wasser drin.“

Kerstin Hensel: Regenbeins Farben. Novelle. Luchterhand, München 2020. 254 S., 18 Euro