Camping ca. 1962, Frau vor einem Zelt am Waldrand.
Foto: imago images/Gerhard Leber

BerlinViele Menschen wissen heute schon nicht mehr, was es bedeutete, wenn früher der Ruf „Telefonooo!“ über den italienischen Strand schallte. Oder woher die mit Kerzenwachs überdeckten Korbflaschen in deutschen Wohnungen stammten. Eine nostalgische Auflistung ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

EISKARTE: Die alte Langnese-Eiskarte spielte eine bis heute nicht vollständig gewürdigte Rolle bei der Einführung heranwachsender Bundesbürger in die kapitalistische Wirtschaftsordnung. Die Karte hatte in den 70er- und 80er-Jahren eine ungeheure Verbreitung, sie hing an jeder Bude, und im Urlaub in Italien oder Spanien fand man sie – mit veränderten Namensbezeichnungen – am Strandkiosk wieder. Nach Preisen gestaffelt, waren die Eissorten von unten nach oben angeordnet wie die Gesellschaftspyramide aus dem Schulgeschichtsbuch. Es begann unten mit dem billigen Wassereis und endete oben mit den mehr als eine Mark kostenden Cornetto-Sorten Schoko und Erdbeer. Dazwischen der breite Mittelstand: Nogger, Split, Dolomiti. In Ermangelung anderweitiger Ablenkung konnte man damals halbe Nachmittage vor einem solchen Plakat zubringen. Erkenntnis: Es gibt ein Oben und ein Unten. Man bekommt nur das, was man bezahlt. Und: Einmal im Leben ein Cornetto sein!

STRASSENKARTE: Früher fuhr man ohne Navi in fremde Länder. Stattdessen nahm man Straßenkarten mit. Dies barg hohes Konfliktpotenzial. Papa saß am Steuer – ja, die Zeiten waren so – und Mama assistierte ihm auf dem Beifahrersitz, indem sie versuchte, den Weg auf der Karte zu finden. Wobei viele Männer damals offen erklärten, dass Frauen die Kunst des Kartenlesens per se nicht beherrschten. Mitunter fuhr Papa verärgert auf einen Parkplatz, um die verknitterte Karte selbst in Augenschein zu nehmen. Der Rest der Fahrt nahm dann einen eher einsilbigen Verlauf.

Aufnahme aus den 70ern: Eine junge Frau konsultiert die Straßenkarte.
Foto: dpa/Hannes Hemann

GARNELENKESCHER: In allen Badeorten an der Nordseeküste wurden früher neben Sandeimern und Schaufeln überteuerte Fangnetze verkauft. Insbesondere solche, die vorn mit einer Holzleiste abschlossen. Damit sollte man bei Ebbe durch die zurückgebliebenen Wassertümpel pflügen und Garnelen fangen. Es gibt Menschen, die unter Eid bezeugen würden, dass sie ihre Eltern jedes Jahr am ersten Urlaubstag zum Kauf eines solchen Netzes überredet und dann doch nie etwas anderes zutage gefördert haben als Steine, Schlick und Algen.

FESTNETZTELEFON: In grauer Vorzeit, als es noch keine Smartphones und kein Internet, ja noch nicht einmal Handys gab, konnte der Zugang zu einer Telefonverbindung ein enormes Statussymbol sein. Die Inhaber italienischer Strandimbissbuden verfügten über ein solches Festnetztelefon mit Hörer, Schnur und Wählscheibe. Das Beeindruckende war nun, dass manche Touristen es schafften, vom Budenbesitzer quer über den ganzen Strand an dieses Telefon gerufen zu werden: „Signor Obermeier, Telefonooo!“ Was für ein bedeutender Herr musste das sein, der selbst in Badehose noch Ferngespräche führte.

ANSICHTSKARTEN: Die Ansichtskarte war der Instagram-Post der Nachkriegszeit. Wesentlich mühsamer natürlich, weil man immer nur einen Adressaten erreichte. Aber die Botschaft war ähnlich wie beim heutigen Urlaubsselfie: Man hatte es beneidenswert gut getroffen. Der Sprachwissenschaftler Heiko Hausendorf, der 13.000 Postkarten ausgewertet hat, bilanziert: Nach Darstellung der Verfasser war der Urlaub fast immer ein voller Erfolg.

Zinnowitz: Postkartenständer auf der Strandpromenade. 
Foto: dpa/Stefan Sauer

SONNENBRAND: Heute wird enormer Aufwand betrieben, um Sonnenbrand zu vermeiden, schließlich steigt dadurch das Hautkrebsrisiko. Früher dagegen legte man es geradezu darauf an, einen Sonnenbrand zu bekommen, möglichst schon am ersten Tag. Wenn sich dann die Haut abschälte, war das schließlich der ultimative Beweis dafür, dass man gutes Wetter gehabt hatte.

LUFTMATRATZE: Lange bevor die Deutschen die Luftmatratze als Pool-Zubehör kennenlernten, war sie ihnen als Schlafstatt vom Zelten her vertraut. In Erinnerung geblieben ist der intensive Plastikgeruch. Als reine Gebrauchsgegenstände waren die Matratzen schlicht gehalten: eine Seite blau, die andere rot. Alles andere hätte exzentrisch gewirkt, und das wollte man lieber nicht sein.

KLAPPSTUHL: Umso farbenfroher waren die Blumenmuster auf den Klappstuhlbezügen. Der Klappstuhl leistete nicht nur auf der hauseigenen Terrasse, sondern auch auf dem Campingplatz wertvolle Dienste. Mit Armlehne, Nackenpolster und Getränkehalter konnte das Komfortobjekt weiter aufgemöbelt werden. Ebenso unverzichtbar war die Kühltasche mit der Tagesverpflegung. Doch seinen größten Triumph erfuhr das angewandte Denken in Form der faltbaren Bananenbox, die sich der Krümmung der Frucht anpasste und dementsprechend platzsparend war.

DÜBENER EI: Seinem Entstehungsort Bad Düben in Sachsen und der aerodynamischen Form verdankte der Wohnwagen seinen einprägsamen Spitznamen. Der Konstrukteur Max Würdig soll das ultraleichte Anhängsel 1936 konstruiert haben, weil er mangels Trauschein mit seiner Freundin kein Zimmer in Ferienpensionen bekam. In der DDR war das Ei trotz seiner bescheidenen Ausmaße ein seltenes Luxusobjekt, da es nur in sehr geringer Stückzahl hergestellt wurde. Der kleinste in der DDR produzierte Caravan war der „Weferlinger Heimstolz“, und auch für ihn hatte der Volksmund einen passenden Namen: Wanderklo.

Platz ist in der kleinsten Hütte: Wohnwagen Weferlinger Heimstolz (Baujahr 1973).
Foto: Imago Images/Sebastian Geisler

KORBFLASCHE: Die ersten deutschen Touristen in Italien taten sich in den 50er-Jahren noch schwer mit dem exotischen Essen. Sie verschmähten die merkwürdigen „Teigwaren“ und sprachen stattdessen mitgebrachten Konservenwürstchen zu. Für den angebotenen Chianti dagegen konnten sie sich von Anfang an erwärmen, und da der gute Tropfen meist in Korbflaschen ausgeschenkt wurde, entwickelten sich diese zum gefragten Reisesouvenir. Weil zu Hause aber in den meisten deutschen Familien fast nie Wein getrunken wurde – das war nur etwas für hohe Festtage oder eben den Italienurlaub – wusste man nicht so recht, was man damit anfangen sollte, und stellte deshalb oft eine Tropfkerze drauf. In dieser Form schmückten die Flaschen zum Unverständnis nachfolgender Generationen zahllose deutsche Familienheime.