Mark Speer und Laura Lee von der Band Khruangbin.
Foto: imago images/Martin Müller

BerlinIm Interview mit der New York Times sagte Mark Speer, Gitarrist des texanischen Trios Khruangbin, er verstehe die Beliebtheit seiner Band überhaupt nicht. Sie  mache vor allem Instrumentalmusik und habe einen ziemlich unausprechlichen Namen. Auf Thailändisch bedeutet der Name „Flugzeug” und spielt somit auf die Tatsache an, dass der richtungsgebende Einfluss der Band aus einer Vorliebe für obskure Thai-Funk-Platten aus den 70er-Jahren besteht.

Womit sich allerdings die Popularität von Khruangbin doch erklären lässt: Seit Musik in unendlicher Vielfalt streambar ist, wächst einerseits das Hörerinteresse an obskuren Retro-Genres – der westliche Hipster etwa tendiert seit mehr als einem Jahrzehnt gern in die nicht-westliche Pop- und Rockmusik der 70er-Jahre. Andererseits braucht es hierfür angesichts der immensen verfügbaren Datenmengen Kuratoren, und wenn Musiker es verstehen, ihre Spielfertigkeit und ihr Produktionsverständnis ins Erzeugen dieses oder jenes spezifischen Retro-Sounds zu kanalisieren, kann daraus ein nachhaltiges Geschäftsmodell hervorgehen.

So war es wohl auch bei Khruangbin, deren gerade erschienenes drittes Album „Mordechai” ähnlich wie seine beiden Vorgänger starken Retro-Chill-Playlistencharakter hat. Allerdings mit dem Unterschied, dass die Band ihren Chill-Funk nun nicht nur aus Asien, sondern aus aller Welt beeinflussen lassen – vom Roy-Ayers-inspirierten Anfangsstück „First Class” über das spanisch-mexikanisch angehauchte „Pelota” bis zum merkwürdigen Jazz-Fusion-Genudel-Dub-Exkurs „One To Remember”.

Außerdem lassen Khruangbin weitaus mehr Gesang zu als zuvor – insbesondere von Bassistin Laura Lee – nach deren Erleuchtungsmoment bei einer Wanderung mit einem vorher nur entfernten Bekannten namens Mordechai das Album benannt ist. Auch Lees Basslinien sind prominenter; sie scheinen sich geöffnet zu haben und spielen mit mehr Variablen.

Dennoch ist das Album in strikt relaxtem Einheitssound gehalten; nichts eckt an oder stößt hervor. Geschmackssicher soliert Speers Gitarre durch die Hallspirale in den Sonnenuntergang, und an Drummer DJ Johnsons stoischer Groovefähigkeit hat sich auch nichts geändert.

So bleibt auch nach dem dritten Album dieser Band die Frage, ob das entspannte Verschmelzen mit irgendeinem Erinnerungshorizont Zukunft hat. Die hyperaktive Mega-Künstlichkeit zeitgenössischer Popmusik lässt dies er nicht vermuten. Doch spielen Khruangbin echt gut, und ihre Künstlichkeit ist eben nicht offensichtlich, sondern so perfekt, dass man sie beinah für das echte Produkt hält. Schöner Sonnenuntergang. Oder: Schönes hyperrealistisches Gemälde eines Sonnenuntergangs.

Khruangbin – Mordechai Dead Oceans/Rough Trade