Vor Annie ist nichts sicher. Das zehnjährige, sommersprossige Mädchen mit dem viel zu großen Schlabber-T-Shirt und dem blonden Zottelhaar schießt Farbpatronen auf Kühe, sticht wild auf Baumstämme ein und terrorisiert gnadenlos die Kinder auf dem Spielplatz. Obwohl Annie einige wirklich unentschuldbare Dinge tut, etwa mit ihrem Baseballschläger die Geburtstagstorte eines behinderten Mädchens zertrümmert, stellt sich beim Zuschauer von „Kid-Thing“, dieser Independent-Kostbarkeit der texanischen Zellner-Brüder, schon bald Erbarmen mit ihr ein.

Annie lebt mutterlos in einem tristen Vorort von Austin auf der Ziegenfarm ihres Vaters, den Nathan Zellner spielt, der auch Produzent und Kameramann des Films ist. Meist hängt der ungelenke, rettungslos vom Alkohol benebelte Mann mit seinem Kumpel ab, der von David Zellner, dem Regisseur und Drehbuchautor von „Kid-Thing“, mit ebenfalls überzeugender Dumpfheit verkörpert wird.

Da die Schule gerade geschlossen ist, wird Annie ganz auf sich zurückgeworfen und kann ungehindert ihre Aggressionen gegen Dinge, Tiere und Menschen ausleben. Die grandiose Sidney Aguirre spielt das mit so eindringlicher, stiller Unerbittlichkeit, dass ihre Gewalttaten nicht als rasende Ausbrüche, sondern eher als genau kalkulierte Erprobungen, als neugieriges Austesten von Grenzen erscheinen. Selten sah man im Kino einem derart unbefangenen Kind so fasziniert beim Alleinsein zu. So stark ist der Eindruck von Verlorenheit und emotionalem Unbehaustsein, dass ich mich bei der Berlinale 2012, wo der Film mit großem Erfolg im Forum lief, besorgt beim Regisseur nach der Kinderdarstellerin erkundigt habe, der es zum Glück im wirklichen Leben glänzend geht. Annie hat keinen moralischen Kompass, keine Maßstäbe für ihr Handeln, doch einen messerscharfen, unbestechlichen Blick. Er findet sich wieder in den glasklaren Kompositionen der unbeweglichen Kamera, in diesem Bilderbogen über das Leben eines einsamen Kindes, in dem jedes Detail mit großer Genauigkeit das Unterschichten-Milieu beschreibt. Von vergleichbar starken und sozial präzisen amerikanischen Independent-Produktionen wie „Winter’s Bone“ unterscheidet sich „Kid-Thing“ durch das plötzlich auftauchende Motiv des Fantastischen. In einem dichten Wald findet Annie nämlich einen von Brettern eingefassten, vertrockneten Brunnen. Aus dem Schacht ertönt die Stimme einer offenbar älteren Frau, Esther, die zunehmend verzweifelt um Hilfe bittet. Doch statt Rettung zu holen, schöpft Annie lustvoll die umgekehrten Machtverhältnisse aus, die vollkommene Verfügungsgewalt über eine Erwachsene, die von dem Mädchen tagelang mit gestohlenen Lebensmitteln versorgt, aber nicht aus ihrer misslichen Lage befreit wird.

Dabei ist es völlig unerheblich, wem diese Stimme aus der Tiefe wirklich gehört – einer Hexe, einer real Verunglückten? Oder ist sie eine reine Projektion, ein Produkt von Annies kindlichen Allmachtsfantasien? In diesem meisterhaft reduzierten, eindringlichen Film mit seinem überschaubaren Personal und seiner trostlosen Provinz-Szenerie eröffnet sich im Märchenwald eine Dimension des Jenseitigen, die nur dem Mädchen gehört.

Einmal bemerkt Esther vom Brunnengrund aus Annies „goldenes Haar“ im Sonnenlicht. Schon in den ersten Minuten des Films zwängt sich das Kind in eine viel zu kleine Katzentür und erscheint wie Alice, die im Wunderland zur Riesin wird. Neben dem Brunnen stehend verwandelt sich Annie dann endgültig in eine Märchengestalt, in eine Schwester von Goldmarie und Alice, am dunklen Zugang zu einer geheimnisvollen Welt, die hoffentlich glücklicher als unsere ist.

Kid-Thing USA 2012. 86 Minuten, Farbe. FSK ab 16.

Drehbuch & Regie: David Zellner,

Kamera: Nathan Zellner,

Darsteller: Sydney Aguirre, Susan Tyrrell, Nathan Zellner u..a.;