Der Fall

Peggy Stresemann (gespielt von Katrin Wichmann) hasst ihr Leben. Sie ist frustriert von ihrer Existenz als Supermarktkassiererin, ihrem bescheidenen Haus in der Kieler Vorstadt, ihrem dicklichen Mann, dem diese Langeweile offenbar vollauf genügt. Da ist es wenig hilfreich, dass sie seit einem halben Jahr täglich mit den erfolgreichen, gut aussehenden Nachbarn konfrontiert wird.

Sie beobachtet durch ihr Küchenfenster – mal wieder – „das Glück der anderen“, so der Titel dieser Tatort-Folge: Sie deutet den Jubel im Haus gegenüber als Freunde über einen millionenschweren Lottogewinn. Jetzt sind die Nachbarn offenbar auch noch reich. Peggy schleicht sich ins Haus, um den Lottoschein zu stehlen. Dabei erwischt sie Nachbar Thomas Dell (Volkram Zschiesche), macht sich böse lustig über Peggy, die den Hausherrn daraufhin mit einer Pistole, die sie zuvor im Nachtisch fand, erschießt.

Die Kommissare Klaus Borowski (Axel Milbberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik) ermitteln. Kollegin Sahin verdächtigt die Frau des Mordopfers, eine kühle, elegante Schönheit (Sarah Hostettler), die sich zum Geschehen ausschweigt. Borowski hingegen nimmt Kassiererin Stresemann ins Visier. Zwischendurch nehmen die Kieler Ermittler noch einen von Scotland Yard gesuchten Schwerverbrecher fest, was aber mit der eigentlichen Geschichte rein gar nichts zu tun hat.

Die Auflösung

Peggy war's, das wusste der Zuschauer von Beginn an. In dieser Folge ging es also darum, den Ermittlern beim Ermitteln zuzusehen. Borowski schnürt auf subtile Art die Schlinge um die Kassiererin, bis sie sich beim Showdown am Tatort in Widersprüche verstrickt und überführt ist. Den vermeintliche Lottogewinn, also der Auslöser für Peggys Mord, gab es nicht.

Zumindest nicht im Haus der Nachbarn, die sich nur über einen beruflichen Fortschritt gefreut hatten, während in Peggys Wohnzimmer die Ziehung der Lottozahlen lief und sie den Jubel gegenüber also fehldeutete. Gewonnen hat eine Seniorin, die am Ende mit einem Elektromobil und atemberaubender Bluse freudestrahlend durch die Siedlung fährt, in der der Mord geschah. Da Peggy nun im Knast sitzt, kann ihr Mann endlich mit Peggys Supermarktkollegin und bester Freundin glücklich werden, mit der er eine Affäre hatte.

Fazit

Ein unaufgeregter, kluger Tatort, der zeigt, was Neid anrichten kann. Die Missgunst der Supermarktkassiererin eskaliert immer weiter. Sie ergreift geradezu Besitz von Peggy, die aber mit ihrer billigen Schminke und ihren French Nails eigentlich nur noch „Tina, wat kosten die Kondome“ durch den Discounter hätte brüllen müssen, um auch noch das letzte Klischee zu bedienen.

Borowskis distinguierte Art verstärkt noch die Schlichtheit der Täterin. „Das Glück der anderen“ beleuchtet analog, was in Sozialen Netzwerken Gang und gäbe ist: Voyeurismus, der jedoch von jenen, die die Welt mit ihren Bildern fluten, nach Kräften befeuert wird. Und die nur einen kleinen – zumeist den schönen – Ausschnitt eines Lebens dokumentieren.

Auch Peggy sieht nur einen Ausschnitt der Nachbarn, den sie auch noch falsch interpretiert. Die Folge zeigt die sehr hässliche Seite der sehr hässlichen Eigenschaft namens Neid, der ins vollendete Desaster münden kann, wenn noch Dummheit, Hass und Skrupellosigkeit dazukommen. Was wiederum in Zeiten von grassierendem Hass und Dummheit sowie daraus resultierenden, beständig vor sich hinköchelnden sogenannten Neiddebatten virulenter ist denn je.

Ein gelungener Kiel-Tatort, der ohne Brimborium das Verbrechen an sich wirken lässt. Was jedoch die Szene, in der die Ermittler per Zufall einen von Scotland Yard gesuchten Schwerverbrecher schnappen, in dieser Folge verloren hat, wird auf immer ein Geheimnis von Regisseur und Drehbuchautor bleiben.