Freitagvormittag, zehn Uhr, U-Bahnhof Alexanderplatz: Vier junge Musiker suchen die U8 in Richtung Hermannstraße. Ihr Ziel: Ein Musikladen am Moritzplatz. „Hier gibt es so viele U-Bahn-Linien“, sagt einer von ihnen. „Bei uns zu Hause haben wir nur drei Metro-Züge.“ Der junge Mann heißt Dima. Seine Freunde heißen Sergey, Sascha und Natalia. Ihr Zuhause ist Kiew, die Hauptstadt der Ukraine.

In dem Land toben noch immer Kämpfe. Berlin ist die Hauptstadt eines Lands, in dem seit 70 Jahren Frieden herrscht. Die jungen Musiker genießen diese Normalität. „Wo findet noch einmal die Botticelli-Ausstellung statt?“, fragt Natalia in die Runde. „Wie kommen wir nach dem Feiern zurück ins Hostel?“

Am Abend haben sie ihren großen Auftritt. Dann werden sie im Konzerthaus am Gendarmenmarkt auf der Bühne stehen. Denn Sergey, Sascha, Natalia und Dima musizieren im Symphonieorchester der Kiewer Tschaikowski Musikakademie, das am Festival Young Euro Classic teilnimmt.

Die Tschaikowski-Akademie ist die größte Musikschule der Ukraine. Das Gebäude befindet sich direkt am Maidan, dem zentralen Platz der ukrainischen Hauptstadt. Während der Proteste gegen die Janukowitsch-Regierung sei das Konservatorium geschlossen gewesen, erzählt Dima. „Nur wenige von uns dachten damals noch an Musik“, erinnert sich der 20-jährige Cellist. „Die meisten Musikstudenten haben sich an den Maidan-Protesten beteiligt.“

Dimas Orchester spielt zum dritten Mal bei Young Euro Classic. Dieses Jahr stand die Teilnahme lange auf der Kippe. Die ukrainische Regierung, die den größten Teil ihrer begrenzten finanziellen Mittel in die Aufrüstung des Militärs steckt, wollte die Reisekosten des Orchesters nicht übernehmen. Die Berliner Festivalleitung erfuhr erst spät davon – und reagierte prompt: Gemeinsam mit dem Orchester startete sie eine Crowdfunding-Kampagne.

7000 Euro wurden für die Anreise der Musiker benötigt, 10.000 Euro kamen bis Konzertbeginn zusammen. Nur aufgrund der hohen Spendenbereitschaft von Konzertbesuchern und Klassik-Liebhabern konnten die ukrainischen Nachwuchsmusiker auch in diesem Jahr nach Berlin kommen.

Musikalische Andenken an Berlin vom Moritzplatz

Sergey, Sascha, Dima und Natalia sind zum Moritzplatz gefahren, um sich vor ihrem Auftritt noch mit musikalischem Zubehör einzudecken: Neue Saiten für Bratsche und Violine, einen Cello-Koffer, eine Mundharmonika als Andenken aus Berlin.

Als sie die Saiteninstrumente in dem Laden entdecken, ist die Einkaufsliste vergessen. Sascha und Sergey lassen sich eine E-Bratsche und ein E-Cello geben und gehen in einen Proberaum. Sie stöpseln die Instrumenten in einen Verstärker, drehen voll auf. Leidenschaftlich, headbangend, spielen die jungen Männer Rock, Pop und Metal, Dima und Natalia applaudieren.

Während die vier jungen Orchestermusiker sich ihre Zeit in dem Kreuzberger Musikgeschäft vertreiben, spaziert der Solist des Abends schon einmal zum Konzerthaus. Dima Tkachenko war dort schon häufiger als Zuhörer im Konzert und schätzt die Akustik des großen Saals; heute Abend wird er zum ersten Mal selbst auf der Bühne stehen.

Tkachenko hat in London studiert und pendelt zwischen Kiew, Riga und der britischen Hauptstadt. „Wenn man in Kiew lebt und in einem netten Café sitzt, spürt man den Krieg nicht“, erzählt der 34-jährige Violinist. „Dass anderswo gekämpft wird, wird einem aber schnell klar, wenn man sich in der Musikszene bewegt.“ Dann falle einem nämlich auf, dass es in der ukrainischen Hauptstadt heute viel mehr Musiker als noch vor ein, zwei Jahren gebe. Sie kämen aus Donezk, aus Lugansk und von der von Russland besetzten Krim. „Ganze Orchester sind nach Kiew geflohen.“ Viel Geld, um sie zu fördern, sei nicht da. Angesichts der Zustände in seinem Heimatland sei er froh, dass er eine internationale Karriere gestartet habe.

Abends, im Konzerthaus, spielt Tkachenko die Solovioline in Jewgen Stankowitschs „Konzert für Violine und Orchester Nr.2“. Wie Stankowitsch ist auch Andrij Merchel, dessen düstere Symphonie „Stagnation“ das Orchester an diesem Abend zum ersten Mal in Deutschland aufführt, ein zeitgenössischer ukrainischer Komponist. Neben den ukrainischen Werken führt das Orchester auch die zweite Symphonie des Russen Tschaikowski auf, der sich für die Komposition des Werks von ukrainischen Volksweisen inspirieren ließ.

Am kommenden Sonnabend endet Young Euro Classic mit einer Aufführung von Beethovens Neunter. In dem Orchester des Abends werden Russen und Ukrainer gemeinsam musizieren. Es nennt sich Friedensorchester. In Moskau und Kiew wird man wohl noch lange auf solche Veranstaltungen warten müssen.