In meiner letzten Kolumne hatte ich Sie vielleicht mit der These provoziert, dass unsere Kinder nur deshalb noch gerne Bücher lesen, weil sie erst sehr spät Zugang zu digitalen Medien bekommen haben. Um eine Politik der digitalen Askese im Kinderzimmer durchzuhalten, muss man früh anfangen. Spätestens in der Grundschule. Und dabei müssen die Eltern etwas unternehmen, was Friedrich Nietzsche die „Umwertung der Werte“ genannt hat. Das heißt, sie müssen ihre Kinder teilhaben lassen an dem Gedanken, dass sie keine armen Außenseiter sind, wenn sie in den Klassen eins bis vier noch kein eigenes Smartphone besitzen, sondern Teil einer Avantgarde.

Der springende Punkt ist ja nicht, dass Smartphones besonders gefährlich wären. Ähnlich wie die grauen Herren in Michael Endes Buch „Momo“ sind sie nur erbärmliche kleine Zeitdiebe, die den Kindern wertvolle Stunden am Tag stehlen und manchmal wertvolle Jahre der Entwicklung, die sie viel schöner und sinnvoller verbringen könnten – in unmittelbarem Kontakt mit ihren Freunden, beim Bolzen, Lesen, Träumen oder Unsinnmachen!

Ich weiß noch, als 2010 auf dem Schulhof unseres zweiten Sohnes die ersten Gameboys auftauchten. Eine Weile hätte er gern einen gehabt. Doch dann hatte mein Mann bei einem gut gelaunten Abendessen dafür den Namen „Piepsmann“ erfunden – und das wirkte. Der neue Name zerstörte den Nimbus und zog den Gegenstand ins Lächerliche. Als unser Sohn später von seinen Mitschülern in der Pause gefragt wurde, warum er denn noch keinen eigenen Gameboy habe, sagte er mit fester Stimme: „Ich brauche keinen Piepsmann.“ Und wer weiß, vielleicht war das die entscheidende Wende.

Glücklich über das erste Smartphone – doch als es weg war, wollte er kein neues

Im Gymnasium war er lange Jahre der Einzige in seiner Klasse, der weder ein Smartphone hatte noch WhatsApp. Zum Glück hatte er genug Freunde, die ihm auf anderen Wegen mitteilten, was die Themen bei der nächsten Mathearbeit waren und wann sie sich auf dem Basketballplatz treffen wollten. Sein erstes Smartphone schenkten wir ihm, als seine erste große Reise ins Ausland anstand. Er war 15 Jahre alt und sehr froh, als er das Ding zum ersten Mal in seinen Händen hielt.

Es folgte eine Phase der intensiven Nutzung und der gefühlten Unentbehrlichkeit. Doch anderthalb Jahr später hatte er sein Smartphone irgendwo verloren. Vielleicht war es ihm beim Ausgehen aus der Tasche gerutscht oder in der S-Bahn aus dem Rucksack gestohlen worden. Er wusste es nicht so genau und war natürlich traurig, dass er sein altes Gerät verloren hatte. Doch das Erstaunliche war, dass er kein neues haben wollte.

Weil er das enorme Ablenkungspotenzial gespürt hatte, den endlosen Thread von Belanglosigkeiten, die 24/7 im Chat ausgetauscht wurden, und die angestrengte Nabelschau bei Social Media. Man muss dazu sagen, dass er damals schon einen eigenen Laptop besaß, der in seiner Schule für die tägliche Arbeit genutzt wurde – und dass er diese Arbeit und die Kommunikation über E-Mail für den erwachseneren Umgang mit der Digitalisierung hielt.

Susanne Schleyer
Kolumne

Eva Corino schreibt bei der Berliner Zeitung über ihre Herzensthemen Bildung und Familie. Ihre Kolumne handelt von Erziehungsthemen, die eine „subkutane Aktualität“ haben und modernen Familien besonders unter die Haut gehen.

Als sein kleiner Bruder in der Corona-Zeit (schon mit 13!) in seine WhatsApp-Phase kam und kaum noch das Haus verließ, wurde er zum Wächter über ihn und kämpfte wie ein Löwe für jede halbe Stunde, die sein Bruder ohne sein Gerät verbrachte. Im Freien.