Berlin - Jede Geschichte lässt sich auf verschiedene Weisen erzählen. Aber manchmal gelingt es so gut, dass diese eine Variante immer wieder gelesen und gehört sein will. Das Buch „Die kleine Raupe Nimmersatt“ schauen sich Kinder aus aller Welt seit fünfzig Jahren gemeinsam mit ihren Erwachsenen oder allein an. 50 Millionen Mal wurde es weltweit verkauft, mehr als acht Millionen Mal auf Deutsch.

Ein wundersames Buch

Der kurze Text existiert in 64 Sprachen. Verständlich ist das Bilderbuch ohne ihn. Wenn die Kuratorin der Ausstellung zum 50-jährigen Jubiläum des „Very Hungry Caterpillar“ im Eric-Carle-Museum in Amherst, Massachusetts, solide gerechnet hat, wird alle 30 Sekunden irgendwo auf der Erde ein Raupen-Buch gekauft. Das klingt so verrückt, dass es eigentlich nur wahr sein kann – und passt gut zu diesem wundersamen Buch.

Als Eric Carle, der schon ein Bilderbuch illustriert („Brauner Bär, wen siehst denn du“)  und ein eigenes erdacht hatte („1, 2, 3 ein Zug zum Zoo“), mit seiner Lektorin in den Zettelkasten seiner Ideen schaute, fand sie seine Geschichte von einem Bücherwurm ganz reizvoll. Er hatte, so berichtet er in einem Vortrag für die US-amerikanische Kongress-Bibliothek, Löcher in Papier gestanzt und ein kleines Tier  gemalt, das sich durch Früchte und miteinander schwer verträgliche Dinge wie Torte, saure Gurke und Würstchen frisst. Da floss die Erfahrung des eigenen Aufwachsens ein: Das krabbelnde  Leben, das er mit seinem Vater im Wald unter Steinen entdeckte.

Berühmte Vorbilder

Sein Onkel August, der malte und dessen Frau, Tante Mina, die ihn  mit Kuchen verwöhnte. Gut möglich, dass Carle zugleich mit Grausen an die Erzieherinnen im Erholungsheim dachte, die schmächtige Kinder mit Grießbrei vollstopften. Bei den Farben und der Collagetechnik hatte er sich von seinen Vorbildern wie Franz Marc, Pablo Picasso, Henri Matisse und Leo Lionni inspirieren lassen. Aber dass jener Willi Worm, so hieß die Figur anfangs, dann nur dick und faul auf einem Blatt landet, war der Lektorin zu langweilig. Carle schreibt: „Wir überlegten hin und her und suchten nach anderen Tieren, die geeigneter wären. ,Wie wäre es mit einer Raupe?‘, fragte Ann schließlich. Ohne zu zögern rief ich: ,Schmetterling!‘“ 

Damit war die Erzählung perfekt. Sie beginnt mit einem Ei auf einem Blatt. „Und als an einem schönen Sonntagmorgen die Sonne aufging, hell und warm, da schlüpfte aus dem Ei – knack – eine kleine hungrige Raupe.“ Sie endet, wenn die vollgefressene Raupe sich ein enges Haus baut, „das man Kokon nennt“ und es  nach zwei Wochen als Schmetterling verlässt. Die Farben der Früchte und Süßigkeiten sind noch da, sie sprenkeln die Flügel des neuen Wesens, das nun leicht  ins Leben ziehen kann.

Eine Lolli fressende Raupe

Das betrachtende Kind folgt dem Raupenabenteuer mit dem Finger durch die Stanzlöcher von Apfel, Birnen, zu Pflaumen und so fort.  Ganz einfach ist der Text, mit logischen Folgen – die Wochentage, die Zahlen –, mit Wiederholungen („Aber satt war sie noch immer nicht.“) und er enthält Witz. Denn dass eine Raupe einen Lolli frisst, ist ja zum Piepen. 

Heute gibt es viele Bücher, die zum Mitmachen reizen, Fühlbücher mit geriffelten und fellbeklebten Seiten, mit Klappen und Pfeilen. Weshalb haben die den Klassiker noch nicht abgelöst? Zum einen liegt es sicher an der Liebe der Eltern und Großeltern zu diesem Buch. Sie kaufen wieder neu, womit sie aufgewachsen sind. Zum anderen kann die kleine Raupe am Anfang der Buch-Erfahrung stehen, kann in ihrer Einfachheit sehr früh ein Kind zur Identifikation einladen. Weil hier so viel zusammenkommt, wird das Buch nicht so bald langweilig und bleibt noch im Kinderzimmer, wenn schon längere Geschichten vorgelesen werden oder Klick-, Wisch-, Geräuschunterhaltung vom Tablet kommt.

Als Sechsjähriger nach Deutschland

Der Erfolg dieses Buches ebnete dann auch den weiteren Weg des Eric Carle, der holperig begonnen hatte. Am 25. Juni 1929 als Sohn deutscher Auswanderer in Syracuse in den USA geboren, kam er als Sechsjähriger mit seinen Eltern nach Deutschland. Die Schulzeit durchlitt er, nur  an seinen  Kunstlehrer, der ihm als Zwölfjährigem Bilder als „entartet“ abgestempelter Maler zeigte, erinnert er sich gern. Ihm widmete er 2011 sein Buch „Der Künstler und das blaue Pferd“.

Dem Kriegseinsatz entkam Eric Carle gerade noch, er studierte an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart. 1952 kehrte er in die USA zurück, arbeitete als Grafiker für die New York Times, dann für Werbeagenturen und gestaltete Buchumschläge. Seit er selber mit dem Büchermachen begann, hatte er stets die kleinsten Betrachter und Zuhörer im Blick. Für sie ließ er Grillen zirpen, Glühwürmchen leuchten, einen Fuchs die Farbe wechseln, Schnee über Seiten rieseln. Im Jahr 2002 eröffnete er das Bilderbuchmuseum in Amherst, wo seine Figuren neben Pu dem Bären, den Wilden Kerlen und anderen Gestalten der Weltliteratur für Kinder hausen. Am 20. März wird dort der Raupen-Geburtstag gefeiert.