Übel, dieser Hase. Und sieht auch noch wie Hitler aus mit dem schwarzen Seitenscheitel; die Nagezähne könnten ein weißes Führer-Bärtchen sein, und auf dem Buchcover hebt das Tier auch noch den rechten Arm! Das Drecksvieh ist der Titel-Antiheld des Kinderbuches „Schinderhasennachmittag oder Die Kinder vom Mauerpark“ (Leseprobe), gedichtet von Eugen Geetz und illustriert von Martina Wildner. Der Hase hat − klar − lange Zähne, Pickel und Narben, er stinkt, berlinert und quält Kinder. Er schlägt mit dem Bügeleisen, schmeißt sie in Pfützen, zieht sie am Zopf, schraubt ihnen ein Bein ab. Kinder, die das Buch vorgelesen kriegen, werden mit Genugtuung den Auftritt eines zweiten, noch schrecklicheren Nagetiers, nämlich eines Hamsters namens Marke, begrüßen. Der braucht nur mal zu keuchen, und schon pinkelt sich der Großkotzhoppel in die Hose und ruft nach seiner Mama. Dass dies nur die vorletzte Pointe ist, und die Handlung noch einmal umschlägt, müssen realitätsbewusste Kinder, wie sie in Berlin zu Hause sind, verkraften.

Das Buch ist aus Versehen zum Gegenstand der Gentrifizierungsdebatte geworden. Die Berliner Schriftstellerin Tanja Dückers hat es in der Süddeutschen Zeitung zum Anlass genommen, um über „Berlins neue Hasskultur“ zu klagen. Ohne dass das Buch einen Anhaltspunkt gibt, interpretiert Dückers den Hasen als linksreaktionären Fremdenfeind, konkret als einen dieser Schwabenhasser, wie sie in Prenzlauer Berg die Marken-Kinderwagen in Brand setzen. Es tritt aber kein einziger Schwabe, nicht einmal ein Sachse in dem Buch auf, kein einziges Schinderhasen-Opfer wird als Nicht-Berliner kenntlich gemacht und kein einziger Kinderwagen brennt ab. Es geht wirklich ausschließlich gegen Kinder.

Dass sie in Prenzlauer Berg wohnen, ist im Grabenkampf der Klischees zwischen übrig gebliebenen unterfinanzierten Alteingesessenen und fruchtbaren neobiedermeierlichen Zugezogenen offenbar schon Signal genug. Und wenn die Nerven so blank liegen, zeigt sich, dass dieser soziale Konflikt schmerzliches Potenzial hat. Allein, das Buch handelt nicht davon. Es arbeitet sich − eher unsubtil und drastisch − an den Ängsten von Kindern vor dem diffusen Bösen ab. Es schafft ein Feindbild und eine Sprache, um diese Ängste zu binden und zu kanalisieren. Vielleicht auch, um bei den Kindern einen Zugang zu unkorrekten Hass-Gefühlen zu legen, die dieser Welt durchaus manchmal nützlich und angebracht sind. Das hat spätestens seit der Menschenfresser-Hexe aus Grimms „Hänsel und Gretel“ Tradition. Oder muss die jetzt auch nett sein?

Eugen Geetz und Martina Wildner:Schinderhasennachmittag. Gebr. Nadelmann, Berlin 2011. 36 S., 11,90 Euro.