Kinderrevue „Keinschneechaos“: Puh, der Klimawandel

Ferdinand ist so ziemlich alles peinlich. Vor allem der kleinere Bruder Emil, der bei der gemeinsamen Geburtstagsparty von keinem Mädchen eine Abfuhr akzeptiert. Die Zeit, meint Emil nämlich, die sorgt schon dafür, dass er konkurrenzfähig wird. Aber gibt es überhaupt eine Zukunft?

Der Friedrichstadt-Palast lädt in seiner neuen Kinderrevue „Keinschneechaos – im Tal der rosa Plüschhasen“ zur Suche nach dem verschwundenen Schnee. Der finstere Hans Heinrich Hitzeheiß hat den Frostkern gestohlen. Damit droht das Ende aller Winter. Den sollen Emil und Ferdinand nun retten. Ab geht’s ins Märchenland zu Rapunzel. Dem hat Pinocchio gerade eine künstliche Haarverlängerung empfohlen, damit der Prinz sie wieder anhimmeln kann. Alle klagen, dass Märchen der Mode geopfert würden oder gar der politischen Correctness. Rotkäppchen ohne Wein im Korb und ohne Wolf – puh. Pinocchios lange Holznase weist die Jungs in die Tiefsee weiter.

Ballettszene im Weltraum

Methangasblasen reden dort unsinniges Zeug, ein weißer Krebs singt großartig-bescheuert. Wir denken: Ah, das ist die Revueversion von Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“. Klimawandel, Wasser, Methan, Krebse ohne Hirn, sogar eine große Welle wird angedroht. Aber dann entführt die scharfe Braut Cordelia Raffinessa Ferdinand und den Schneemann ins Reich des Herrn Hitzeheiß. Seine Fabrik stellt rosa Häschen her mit enormer Hitze: Rabbit 6.0 – Ferdinand ist ganz angetan. Rostig-düster wie in der Völklinger Hütte wird es im Bühnenbild von Jürgen Schmidt-André. Aber Emil findet nach einem Ausflug in den sattblauen Weltraum – tolle Ballettszene – den Schlüssel zum Tresor, in dem der Frostkern lagert. Auch Cordelia, stellt sich heraus, zählt eigentlich zu den Guten und rettet alles.

Sie ist in dem Stück die einzige Weibsperson mit Hirn. Ansonsten werden die Geschlechterrollen bizarr herkömmlich verstanden: Mädchen sind hübsch und blöd, Jungs klar und clever.

Insgesamt scheint die aktuelle Show von Michael Sens (Buch) und Roland Welke (Buch und Regie) weniger griffig als die vom letzten Jahr. Was am zu hohen Thema liegen könnte. Damals ging es um Zuckerwattekult und Schulhofausgrenzung, das gehört in die Lebenswelt der Kinder. Der Klimawandel dagegen bleibt selbst Erwachsenen dermaßen diffus, dass sie Ökokekse kaufen, aber mit dem Riesenauto zur Show vorfahren. Kurz: Alles, was aus der Kinderwelt stammt, rast, tanzt und singt, ist eine Lust. Die Sprache ist einfach brillanter Jugendslang. Beim Erklären der Weltumstände dagegen wird es länglich – etwa in der Klage des Schneemanns, dass er nie Familie hatte. Na, warum holt er sich keine Schneefrau, jetzt, wo er „sogar schwäbisch“ sprechen kann?

Weltsprache Mixolungunesisch

Auch die Hauptperson, der asbestsilberne Chef der Hitze von Vladislav Zolotarev, bleibt in der Show eher blass und in der Weltsprache Mixolingunesisch stecken, eine der vielen gekonnten Übernahmen aus Jugendslangs übrigens. Hitzeheiß ist „der Mann, der alles kann“, wie er von den unterwürfigen Dienerinnen verherrlicht wird, als er auf X-Rollen balanciert.

Wegen seiner Produktion von überflüssigem Luxusgut droht der Klimawandel. Andererseits: Die Fabrik-Häschen sind so süß. Entweder sie oder der Winter. Wer braucht schon den Winter?

Keinschneechaos. Im Tal der rosa Plüschhasen. Bis 31. Januar 2014 im Friedrichstadt-Palast. Karten: 23 26 23 26.