Die Autorin mit ihrer Mutter in den Siebzigerjahren in der DDR.
Foto: PRIVAT

BerlinDas sepiafarbene Foto klebt in einem Fotoalbum unter dünnem, weißem Schutzpapier. Man sieht darauf ein altes Haus, an dem der Putz abblättert. Davor eine Frau in Kittelschürze und Pantoffeln, die dunklen Haare werden mit einer Klammer zusammengehalten, sie ist vorgebeugt, man sieht ihr Gesicht nicht. Sie hält mit beiden Händen ein Kleinkind fest. Das Kleinkind ist wohlgenährt, hat dunkle Haare und steckt in einem kurzen schwarzen Kunstlederkleid.

Es muss Ende der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts gewesen sein, in einem Dorf in der DDR. Es war nicht die DDR der modernen Plattenbauten, der Sonderstudiengänge für Frauen, der Exquisit-Läden. 

Es war die DDR der Ruinen, in der Frauen jeden Alters Kittelschürzen trugen, einem Huhn den Hals durchschnitten, sich die Kaffeemühle zwischen die Oberschenkel klemmten; in der Männer immer etwas Schweres auf den Schultern trugen, sich morgens nur im Gesicht wuschen und den ganzen Körper nur zu Feiertagen. Es gab Plumpsklos und an Feiertagen Kaffeelikör und Bienenstich. Gegen Schmerzen legte man den Kindern Säckchen mit heißen Kartoffeln auf die Ohren. Im Schrank der alten Tante lag ein ganzer Koffer voller Geldscheine, das keinen Wert mehr hatte.

Was man nicht erlebte, darüber sprach man nicht

Geld war nicht wichtig. Im Fernsehen lief „Derrick“ und die „Hitparade“ mit Dieter Thomas Heck. Bei den Familienfeiern die Erzählungen von anderen Bauernhöfen, von Hunger, von den Russen, von den Trecks. Das, was man nicht selbst erlebt hatte, kam nicht vor. Roboter und Designerbabys waren Science-Fiction.

Die Frau auf dem Foto ist meine Mutter, das Kind bin ich. Meine Mutter ist etwa 25 Jahre alt, ich bin vielleicht zwei. Das Haus war das Haus, in das ich hineingeboren war. Meine Tochter ist genauso alt wie ich damals. Ich denke oft darüber nach, was ich ihr und ihrem Bruder mitgeben kann, wie ich sie am besten auf das, was kommt, vorbereite. Was kann ich ihr für die Zukunft mitgeben?

Viele Eltern in meinem Umfeld machen sich darüber Gedanken, sie setzen alles in Bewegung, um ihre Kinder so früh wie möglich zu fördern, mit zwei zum Früh-Englisch, mit vier zur Klavierstunde, mit sechs zum Programmieren. Sich selbst zu vervollkommnen, ist die gängige Ideologie und sie beginnt bei Kindern. Im renommierten Wall Street Journal las ich kürzlich einen Text darüber, warum man schon Kindern im Kita-Alter Computerkenntnisse beibringen sollte, damit sie später nicht von den Robotern zur Seite gedrängt werden. Die einen haben Angst vor Einwandern, die ihnen die Arbeit und Wohnung wegnehmen, die anderen vor Robotern.
Angst haben alle.

Was werden meine Kinder erleben?

Was können wir aus der Vergangenheit lernen? Wenn ich mir das Bild aus dem Familienarchiv anschaue, verstehe ich, wie wenig ich wissen kann von dem, was meine Tochter und meinen Sohn erwartet.
So viel ist passiert, seit das sepiafarbene Bild aufgenommen wurde. Der Krieg war dreißig Jahre vorbei, das klingt nach einer langen Zeit. Doch wenn man bedenkt, dass das genauso lang her ist wie der Fall der Mauer, dann klingt es auf einmal nicht mehr lang.
Das Haus, in das ich hineingeboren war, kannte ich nicht anders, es war eine Ruine, unsere Ruine, unser Zuhause. Sie passte zu dem Land, in dem wir lebten. „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“, lautete die Nationalhymne. Den Text sang man aber schon nicht mehr, als ich geboren wurde.

Selbst wenn meine Eltern sich vorgenommen hatten, mich auf das Leben, das mich erwartete, gut vorzubereiten, so hätten sie doch niemals voraussehen können, was passieren würde.
Mein Vater brachte mir bei, dass das Leben aus Härten und Kämpfen besteht. Meine Mutter spornte mich zum Lernen an, zu Disziplin, Fleiß, Höflichkeit, Vorsicht. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Sie schwieg selbst, um mir, ihrer Tochter, keine Steine in den Weg zu legen. Sie hätte niemals voraussehen können, dass der Mann, dessen Bild in allen Schulen hing, den wir für eine Witzfigur hielten, der aber angeblich der mächtigste Mann des Landes war, plötzlich abtreten wird.

Dass die Berliner Mauer, deren Bau sie als Kind erlebt hat, an einem Donnerstag im November geöffnet werden wird. Dass der Onkel aus dem Westen, dem im Krieg das Jagdhaus im Wald gehörte, vor der Tür stehen wird, um nach seinen Möbeln zu fragen. Dass ihre Tochter schon im Dezember 1989 in Hamburg über den Jungfernstieg laufen würde. Dass die Stasi aufgelöst wird, dass wir aber bald darauf freiwillig mit Handcomputern, die unsere geheimsten Wünsche, unsere Bewegungen kennen und speichern, in der Tasche herumlaufen werden.

Meine Mutter konnte nicht voraussehen, dass der Kommilitone meiner Hamburger Freundin Jana, ein gewisser Mohammed Atta, ein Flugzeug entführen und damit einen der Twin Towers in New York rammen wird. Dass der amerikanische Präsident daraufhin den Kampf gegen den Terror ausrufen wird. Dass ein Chef eines Staatsunternehmens zweihundert Mal mehr verdient als ein Arbeiter. Meine Mutter konnte nicht voraussehen, dass einmal Milliarden staatlicher Gelder ausgegeben werden, um die Banken zu retten, die jetzt als „systemrelevant“ galten. Systemrelevant war ein neues Wort, andere verschwanden: Stomatologe, Ketwurst, Schweinebaumeln, Zellophan, Brigadeführer.

Meine Mutter konnte nicht voraussehen, dass die Kanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Peer Steinbrück sich vor die Kameras stellen, um den Zuschauern zu versichern, dass ihr Geld sicher ist, dass es sich nicht in wertloses Spielgeld verwandeln wird wie das Geld im Koffer im Schrank.

Klimaktivisten warnen, Kinder in die Welt zu setzen

Meine Mutter konnte nicht voraussehen, dass ich, das Kleinkind im Kunstlederkleid, eines Tages mit meinem Englisch aus der EOS Clara Zetkin für die Berliner Zeitung aus London berichten würde. Dass es Designerbabys geben wird und Roboter unsere Arbeit übernehmen. Dass Philosophen und Klimaaktivisten davor warnen werden, Kinder in die Welt zu setzen.

All das konnte meine Mutter damals, als ich zwei Jahre alt war, nicht voraussehen, nicht einmal ahnen oder erspüren. Wie hätte sie mich darauf vorbereiten sollen? Im Januar ’89 sagte Honecker, die Mauer würde 100 Jahre stehen. Und wir, meine Mutter und ich, haben es geglaubt. Ich erinnere mich, dass wir darüber geredet haben, dass ich wohl erst als Rentnerin in den Westen, nach Hamburg, reisen dürfte.
Das wäre im Jahr 2035 gewesen. Bin ich in einer besseren Lage als meine Mutter damals auf dem Foto? Was von den alten Werten gilt noch heute? Ich habe gelernt, dass Schweigen nicht immer Gold ist. Es sind andere Werte dazugekommen, Bindung, Flexibilität, Offenheit. „Man wird uns vergessen“, schreibt Anton Tschechow, „das ist unser Los, das lässt sich nicht ändern. Alles, was wir für ernst und wesentlich halten, wird mit der Zeit vergessen sein oder unwichtig erscheinen.

Und das Interessante ist daran, dass wir jetzt noch nicht wissen können, was man in Zukunft einmal bedeutend und wichtig nennen wird und was gering und lächerlich.“ Höchstens vielleicht die Fähigkeit, dem Druck von außen zu widerstehen. Sich selbst treu zu bleiben, ist eine Fähigkeit, die man gestern und heute braucht. 

Autorenlesung

Sabine Rennefanz liest aus neuen Kolumnen am 22. Januar um 20 Uhr im Pfefferberg Theater. Karten über literatur-live-berlin.de