Lang und „schmal wie ein Sarg“ nennt Tove Ditlevsen ihre Kindheit. Man kann ihr „nicht entkommen, sie hängt an einem wie ein Geruch“. Und es riecht nicht gut dort, wo sie in Kopenhagen aufwächst. Vater, Mutter, Sohn und Tochter drängen sich in zwei Zimmern in einer Gegend in Vesterbro, wo täglich das gleiche einfache Essen gekocht wird, Betrunkene im Hausflur lungern, wo die Schläge und Schreie der Nachbarn zu hören sind. Armenhilfe in Anspruch zu nehmen jedoch ist eine Schande, und so wächst die Autorin mit einem „Halbhunger“ auf.

Tove Ditlevsen schreibt in der Ich-Form. Sie versetzt sich in ihre Erlebnisse zurück und betrachtet sich gleichzeitig von außen. Dabei schildert sie ihr Dasein manchmal, als wäre es ein Aggregatzustand. Etwa, wenn sie mutmaßt, ihre kühle, ruppige Mutter könne nur dann mit ihr glücklich sein, wenn sie vergesse, dass Tove ihr Kind sei. In Ditlevsens Darstellung ist nicht das Mädchen zu jung, sondern die Kindheit selbst viel zu klein – und kann leider „erst in ein paar Jahren ausrangiert werden“. Dieses Bild passt für Gesellschaften, in denen Nachwuchs bloß die Begleiterscheinung einer Ehe ist, Züchtigung normal und Bildung rar. Immerhin: Toves Vater, ein einfacher, bis zur Erschöpfung schuftender Hilfsarbeiter, schlägt sie nicht, er hält sie zum Lesen an.

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