New York/Berlin - Schon King Kong wusste, wo er bei seinem ersten New-York-Besuch hinwollte. Auf der Flucht vor einer zahlreichen und gar nicht so tierlieben Soldateska kletterte der Riesenaffe mit der weißen Frau in der Hand auf das höchste Gebäude der Stadt. Hoch droben an der Spitze des Empire State Building schlug er wild um sich und stürzte schließlich – tödlich getroffen von Maschinengewehrsalven umherschwirrender Flugzeuge – in die dunkle Tiefe der Nacht. Der als „Sensationsfilm“ beworbene Abgesang auf die Liebe zwischen einem Menschenaffen und einer Menschenfrau kam 1933 in die Kinos und bewies vor allem eines: die ikonischen Qualitäten des Empire State Building.

Zuversicht in Zeiten der Wirtschaftskrise und Leerstand

Erst zwei Jahre zuvor war das damals höchste Gebäude nicht nur der Stadt, sondern der Welt eröffnet worden: Kurz vor einem Kabinettstreffen drückte der damalige US-Präsident Herbert Hoover am 1. Mai 1931 um 11.30 Uhr im Weißen Haus schnell noch auf einen Knopf und schaltete damit die Lichter am rund 300 Kilometer entfernten Empire State Building an. Der Wolkenkratzer war offiziell eröffnet – und stand dann bis in die 1950er-Jahre weitgehend leer, lediglich die unteren Stockwerke wurden bezogen. Die Aussichtsplattform mit jährlich einer Million Besuchern erwirtschaftete lange Zeit mehr, als die Mieteinnahmen betrugen. Die New Yorker sprachen vom Empty State Building.

Von dem schwierigen Start seines heute unangefochtenen Wahrzeichen ist in New York City schon lange keine Rede mehr. Hier verliebte man sich auf Anhieb in den Wolkenkratzer, war er doch ein großartiger, unübertroffener Schlusspunkt der geschäftigen, überreizten 20er-Jahre und ein Zeichen von Zuversicht in Zeiten der Wirtschaftskrise. Wenn nun an diesem Sonnabend das mitten in Manhattan gelegene Hochhaus seinen 90. Geburtstag feiert, dann hat das mit Antenne inzwischen rund 443 Meter hohe Empire State Building längst seinen Rang als höchstes Gebäude der Stadt oder der Welt verloren, aber nur etwas übertrieben ist, wenn seine Betreiber von dem „berühmtesten Gebäude der Welt“ sprechen.

Weltrekord: Fahrstuhlsturz von über 300 Metern überlebt

Das berühmteste Gebäude der Stadt ist es in allemal – auch wenn heute alleine in New York rund ein halbes Dutzend Türme höher sind. Gebaut wurde der schlichte, sich elegant nach oben verjüngende Art-déco-Turm in rasantem Tempo: Nachdem das alte Waldorf-Astoria-Hotel an der Ecke Fifth Avenue, 33. Straße abgerissen war, wuchs der Bau in nicht einmal 14 Monaten in die Höhe, durchschnittlich mehr als vier Stockwerke pro Woche. Das klappte, weil viele Teile vorgefertigt waren und der Einsatz der 3500 Bauarbeiter generalstabsmäßig geplant war. Die Baukosten betrugen 40.948.900 Dollar, mittlerweile soll sich der Wert des Gebäudes auf 564 Millionen Dollar belaufen.

Aufsehen erregte am 28. Juli 1945 eine Flugzeugkollision: ein B-25-Bomber flog bei Nebel in die 78. Etage des Gebäudes, dabei starben 14 Menschen. Allerdings hielt das Empire State Building dem Einschlag stand und öffnete bereits am nächsten Tag wieder. Ein Kuriosum: Betty Lou Oliver war zu dem Zeitpunkt in einem Lift unterwegs, dessen Tragseile infolge der Kollision beschädigt wurden und der mehr als 300 Meter in die Tiefe fiel. Die Frau kam mit dem Leben davor und erhielt einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde – für den höchsten überlebten Fall in einem Fahrstuhl. Durch die sich im engen Fahrstuhlschacht stark komprimierende Luft wurde der Sturz offenbar ausreichend gebremst.

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Wahrzeichen der Stadt und stolzes Symbol: das Empire State Building am 28. Juni 2020 – dem Gay Pride Day.

Und noch etwas: Der Wolkenkratzer sollte laut Originalplanungen als Anlegemast für Zeppeline aus Europa dienen, sodass Passagiere der Transatlantikroute das Luftschiff über Laufplanken verlassen könnten und nach einer Fahrstuhlfahrt unmittelbar im Herzen der Stadt auf der Fifth Avenue ankommen würden. Daraus wurde allerdings nichts, weil die starken Aufwinde in großer Höhe ein sicheres Andocken und dauerhaftes Verweilen am Ankermast unmöglich machte, wie ein kleines Luftschiff der Navy erfahren musste: Der Besatzung gelang der Andockvorgang nur ein einziges Mal und nur für wenige Minuten, ohne dass auch nur daran zu denken war, Passagiere aussteigen zu lassen.

Kommen Besucher nach der Pandemie zurück?

Während der Corona-Pandemie ließen die Betreiber die Lichter an der Spitze des Gebäudes zeitweise wie einen Herzschlag rot pulsieren – um so den Menschen zu signalisieren, dass die Stadt noch am Leben ist. Das Infektionsgeschehen im einstigen Epizentrum New York hat sich inzwischen stabilisiert, die Impfkampagne kommt rasch voran und so arbeitet sich auch das Empire State Building gerade mühsam aus der Krise heraus. Die bange Frage aber lautet: Wie viele der rund 16.000 Menschen, die einst jeden Tag zur Arbeit in das Gebäude pendelten, werden wieder zurückkommen? Wann werden wieder vier Millionen Touristen pro Jahr zu Besuch kommen?

Schon vor der Pandemie wuchs die Konkurrenz um Besucher auf den Aussichtsplattformen. Zuletzt waren am World Trade Center und im neuen Viertel Hudson Yards spektakuläre neue Besucherterrassen entstanden, für dieses Jahr ist eine neue Plattform auf dem One Vanderbilt direkt neben dem Hauptbahnhof Grand Central angekündigt. Aber das „berühmteste Gebäude der Welt“ sieht sich gerüstet: Der Platzhirsch hatte 2019 zurückgeschlagen und seine Ausstellungsräume und zwei Aussichtsplattformen für 165 Millionen Dollar komplett überholt und renoviert – und sich fit für die Instagram-Ära präsentiert. Von einem „Muss-Anlaufziel“, hatte die New York Times geschrieben, „sogar für abgestumpfte Eingeborene“.