Der 25-jährige Archy Marshall, der als King Krule auftritt, hat früh angefangen und bereits eine lange musikalische Entwicklung genommen. 
Foto: Roland Owsnitzki

BerlinSchwer zu sagen, ob man die luftige Besetzung beim King-Krule-Konzert am Sonntag dem Virus zu verdanken hatte. Seit Wochen war es ausverkauft, aber zumindest im hinteren Teil der Columbiahalle gab es von Gedränge keine Spur. Das begeistert anwesende Publikum wirkte im Schnitt reifer als beim letzten Konzert der Band 2017 im Astra.

So indes auch der 25-jährige Archy Marshall, so heißt King Krule bürgerlich, der wie seine fünf Musiker bei bester Kraft und Gesundheit schienen. Musikalisch hatte dies nicht nur begrüßenswerte Konsequenzen. Denn Marshalls Sound zeichnet sich seit dem Debüt von 2013 und auch gerade wieder auf dem neuen, dritten Album „Man Alive“ eher durch eine gewisse gereizte Abgeschlagenheit aus. Dies durchaus als Konzept: Er liebe, hat er einmal erklärt, das Theatralische der Musik, und obwohl er seit letztem Jahr Vater ist und aus London aufs Land gezogen, klingt „Man Alive“ im wesentlich noch so unberechenbar nachttrunken wie zuvor.

Kurz vor dem Zerfall

Gleichsam aus dem Stand – mit 19 Jahren – hatte er den etwas verödeten Indierock mit einem neuen, unerhört dysplastischen Sound angerempelt, aus seltsam ruckelnden und stolperndem Loungejazz, verwirrend loser Punkschlaksigkeit, aus Rockgarage sowie Beat- und Sampleideen von Trip- und Hiphop gleichermaßen. Der jazzige Ton kam dabei nicht allein von entsprechend elegant erweiterten Harmonien, sondern auch von dynamischer Schiefe, ja Willkür, und vernuschelten Arrangements − Musik, die mit fiebriger Energie immer kurz vor dem Zerfall zu stehen schien.

In der Columbiahalle hatte man dagegen vom eröffnenden „Has This Hit“ einen kompakteren Eindruck, auch wenn Marshall unter dem Karottenhaar noch immer wie ein spindliger Teenager aussieht. Er berichtet aus der Perspektive eines nächtlichen Flaneurs, der sich nicht nur beobachtend, sondern als Teilnehmer durch die Straßen bewegt. Der entropische Charakter ist daher nicht einfach Stilmittel, sondern bestimmt von vornherein und von innen das Wesen von Stücken und Figuren wie dem Slacker im übellaunigen „Dum Surfer“. Im Konzert wiederum betonte er öfter jene Motive, die sich gegen die Auflösung richten, unter nervösen Drums, abstrakten Geräuschen und leiernden Loops wirken Marshalls Gitarrenschraffuren kontrollierter, der Bass strammer, das feine, dunkle Saxofon Ignacio Salvadores’ geschmeidiger als im Studio.

Beeinflusst vom Punk-Jazz

Musikalisch braucht das nicht zu überraschen. Archy Marshall stammt aus einem kunstbürgerlichen und ausgesprochen musikalischen Londoner Haushalt, wo er als Wundernerd mit Gitarre (heute auch: Keyboards, Bass, Drums, Computer) und Achtspurmaschine schon als Kind erste Songs aufnahm. Mit 16 veröffentlichte er unter dem Namen Zoo Kid die live zum Zugabenschluss gespielte Single „Out Getting Ribs“, während er an der renommierten Brit School studierte und zugleich aufgeregt durch die Medien gereicht wurde.

Sein Gitarrenspiel klingt freihändig, ist aber aufregend und gekonnt komplex, die Akkorde aufgebrochen und erweitert, die harmonischen Bewegungen ungewöhnlich, beeinflusst von altem wie vom Punk-Jazz der New Yorker No Wave (und, scheint mir, der vergessenen kalifornischen Jazzpunkband MX 80 Sound).

Die Sicht eines Vaters

Die Texte erzählen − gesungen bis geschrien in einem nörgelnd polypenbelegten Bariton − von Frust, Unruhe, von Schlaflosigkeit, Selbstmordfantasien, Streunerei und Drogen. Womit man eben zu tun hat in einer großstädtischen Szenerie, wie sie in einer stilisierten Skyline auf den hinteren Bühnenvorhang gemalt erscheint. Auch die neuen Stücke im Konzert erzählen davon, vom ziellosen Wandern, von betäubten Gefühlen, vom Kiffen und anderen „Dragons“, mit denen er sich herumschlägt.

Demgegenüber scheint er live mehr von der neuen, aufgeräumten Familiensituation geprägt zu sein. Er habe seit der Geburt seines Kindes, sagte er dem Guardian, „die Schönheit des Ganzen und die Menschheit als solche schätzen gelernt“ und wisse „nun genauer, was ich tue“. Das ist schön und soll so sein. Aber zumindest im Konzert hätte er seinen King Krule gern etwas angeschlagener, verwahrloster und weniger erwachsen spielen dürfen.