Um schreiende Babys zu beruhigen, gibt es viele Methoden: Stillen, Wiegen, Singen oder – wie das Elternpaar in „Nachtlärm“ – mit 130 Sachen über eine Schweizer Autobahn brausen. Es ist gut möglich, dass das dabei entstehende Sausen tatsächlich die gewünschte Wirkung hat. Wir behalfen uns einst allerdings lieber mit einem Föhn. Doch mit heißer Luft wäre das Schweizer Buch- und Regiegespann Martin Suter und Christoph Schaub nie zu einem Road Movie gekommen. Und noch weniger zur akustischen Bühne für ein Dialogstück, denn das ist dieses fahrbare Kammerspiel hier vornehmlich. Nutzt doch das von Alexandra Maria Lara und Sebastian Blomberg gespielte Elternpaar die Ungunst der späten Wach-Stunden für endlose Beziehungsdebatten. Und die haben auch dann kein Ende, als sie sich an einer Tankstelle ihr Auto samt Baby von einem Halbwelt-Pärchen klauen lassen.

„Du wolltest das Kind doch gar nicht haben“

Wer seinen Säugling nachts lieber herumkutschiert, als ihn in den Schlaf zu wiegen, ruft in so einem Fall auch nicht die Polizei. Er klaut vielmehr selbst ein Auto und hetzt hinterher. Da man aber nicht gleichzeitig debattieren und waghalsige Fahrmanöver bieten kann, kommt das Drama noch immer nicht auf Touren. Hitzig wirft sich das Paar an den Kopf, was es sich schon lange für den einen Abend aufgespart haben muss, wenn das Baby mal weg ist. „Du wolltest das Kind doch gar nicht haben“, sagt sie. Und er kontert, in jeder Frauenzeitschrift sei zu lesen, dass man gescheiterte Beziehungen nicht durch Kinderkriegen retten kann. „Ich lese keine Frauenzeitschriften“, gibt sie zu Bedenken. Er antwortet: „Ich schon“.

Es gehört zur angestrebten Lakonie der Filmemacher Schaub und Suter („Giulias Verschwinden“), dass ihre humorigen Höhenflüge nie ganz die Bodenhaftung verlieren. So bewundern wir lieber das merkwürdig unterschiedliche Spiel der Hauptdarsteller: Alexandra Maria Lara nimmt ihre Sätze mit bewundernswerter psychologischer Einfühlung und lässt dabei fast die absurden Umstände vergessen, unter denen sie fallen. Blomberg aber spricht seine Zeilen mit gespielter Aufregung und erinnert dabei an den verstorbenen Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch: „Habe ich ein Wort gesagt, als du schwanger geworden bist? Ein Wort?“

Wahrscheinlich wäre Suters Stück auf einer Kabarettbühne besser aufgehoben. Aber da dies hier ein Film ist, gerät dieser zum bemerkenswerten Genre-Exoten. Schließlich produziert Stefan Arndt bei X-Filme keine halben Sachen: Wenn schon ein nächtliches Road-Movie, dann eins mit exzellenten Kamerabildern (von Nicolai von Graevenitz). So gleitet man dahin in der Erwartung, dass irgendwas das unselige Elternpaar von seiner Beziehungsdebatte ablenken könnte. Nur gut, dass wenigstens das Diebesduo ungezwungener auftritt: Der Österreicher Georg Friedrich und die Schweizerin Carol Schuler lieben und zanken sich hier so handfest, wie man es auch den Deutschen mal wünschen würde. Aber so sind unsere Landsleute eben: unsinnlich, komplex-beladen und gnadenlos abhängig von ihren Autos.

Nachtlärm CH/Dtl. 2012. Regie: Christoph Schaub; 94 Min., Farbe. FSK ab 12.