Der Tod, sagt Pedro Almodóvar, „ist ein deaktivierter Bildschirm, leer, schwarz, ohne Bilder.“ Von einem Filmemacher, in dessen Werk eine oft überschäumende Lebendigkeit mit einem Überschuss an visuellem Reiz einhergeht, klingt das kaum überraschend. Fehlt das Leben, ist auch der Bildschirm dunkel. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht, und nicht jedes Bild hat etwas Gutes. „Nahezu jeder Moment des Lebens der heute Vierzigjährigen“, schreibt er zu seinem neuen Film „Die Haut, in der ich wohne“, „von ihrer Geburt bis hin zum letzten Atemzug, scheint visuell dokumentierbar oder bereits dokumentiert zu sein… Schlechte Zeiten für Bürgerrechte: Es ist so einfach, sie zu verletzen und so schwierig geworden, sie beschützen.“

In seinem modernen film noir zeigt er eine junge Frau umgeben von Kamerabildern ihrer selbst. Gewaltige Plasmabildschirme erleichtern ihrem Peiniger, dem fanatischen Mediziner Robert Ledgard (Antonio Banderas), ihre Überwachung. Aber die Monitore behaupten dabei auch eine Einheit von Identität und äußerer Erscheinung, die er selbst bereits zerstört hat. Denn Vera, gespielt von der faszinierenden Elena Anaya, lebt in einer zweiten Hülle: Sie ist ein menschliches Versuchskaninchen für Haut-Transplantationen. Der Chirurg ist besessen von der Idee, eine robustere Verpackung für den menschlichen Körper zu züchten. So hätte er vielleicht seine Frau retten können, die bei einem Autounfall schwere Verbrennungen erlitt.

Geistreich aber uneinheitlich

Ein tiefes Misstrauen gegenüber der Schönheitschirurgie hat Almodóvar erfasst – immerhin einen der größten Ästhetizisten des Weltkinos. Sollte er in seinem schwärzesten Film überhaupt sogar der Schönheit misstrauen? Aber es ist nun einmal etwas anderes, wenn sich etwa eine Frau durch Geschlechtsumwandlung aus einem Männerkörper befreit, als wenn jemand nur aus Schönheitskult ein fremdes Äußeres wählt. Es sind Chirurgen wie Ledgard, die solche Wunder möglich machen – was Almodóvar zu einer Frankeinstein-Variante inspirierte.

Fasziniert von den Verwandlungsgeschichten bei Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau, hatte er den Film sogar ursprünglich als schwarzweißen Stummfilm drehen wollen. Noch deutlicher ist ein anderes Vorbild: Georges Franjus Horror-Klassiker „Augen ohne Gesicht“ folgt die Geschichte des Spaniers in vielen Punkten, selbst das Motiv der weißen Maske wirkt wie ein direktes Zitat. Doch so geistreich diese Filmgeschichte des Phantastischen ist, so uneinheitlich wirkt es im Ganzen.

Wie bei einer enttäuschenden Literaturverfilmung wünscht man sich das Original zurück. Heimliche Remakes sind eine zwiespältige Sache. Wie Christian Petzolds „Yella“, der unübersehbar vom Horrorklassiker „Carnival of Souls“ inspiriert war, haftet auch Almodóvars Aneignung von „Augen ohne Gesicht“ etwas Unredliches an. Wer die Vorbilder liebt, dem wäre es lieber, die Aneignung geschehe in aller Offenheit.

Wie jeden anderen Film des Spaniers würde man auch „Die Haut, in der ich wohne“ um keinen Preis verpassen. Doch aller Reichtum im Hintergrund entschädigt nicht für die fehlende Originalität in Vordergrund. Es ist einfach, sich zu einem lange verkannten Meisterwerk wie „Augen ohne Gesicht“ zu bekennen – jenem lyrischen Poem des Schreckens, in dem eine junge Frau entführt wird, um ihr Gesicht zu transplantieren. Aber es ist schwer wenn nicht unmöglich, es dann auch zu übertreffen.

Die Haut, in der ich wohne. Spanien 2011. Regie: Pedro Almodóvar. 125 min., FSK ab 16.