Berliner Zoo-Palast.
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BerlinDas Publikum ist ein unbekanntes Wesen ohne jede Zuverlässigkeit. Es gibt möglicherweise einige sichere Wege, um es zu vertreiben. Es anzulocken und dauerhaft zu binden, unterliegt jedoch hypothetischen Regeln. Deshalb weiß man auch nicht, ob mit der Wiedereröffnung der Kinos und der Rückkehr der Filme auf die Leinwände auch die Zuschauer zurückgewonnen werden können. 

Derzeit könnte die Lage kaum schlechter sein. Eins kommt zum anderen. Die Pandemie selbst ist noch nicht vorüber. Durch die notwendigen Abstandsregeln liegt eine strenge Limitierung vor. Nur etwa zwanzig Prozent der vorhandenen Plätze dürfen verkauft werden. Aber gibt es überhaupt genug Zuschauer für diese wenigen Plätze?

Wer wird es auf sich nehmen, zwei Stunden lang in einem geschlossenen Raum mit fremden Menschen zu verbringen? Zudem fällt die Wiedereröffnung mit dem Beginn der Sommerferien zusammen. Wer kann, wird verreisen und sich nicht in abgedunkelten Gebäuden verkriechen. Unvorhersehbar auch die Folgen der veränderten Mediennutzung: Nie zuvor waren so viele Filme zu günstigen Bedingungen online zu sehen wie während der zurückliegenden Wochen. Dass hinter jedem einzelnen künstlerischen Werk immense kollektive und individuelle Leistungen stehen, gerät dabei schnell aus dem Fokus. Es gibt aber keinen Grund, die Ergebnisse dieser Arbeit zu verschenken – auch wenn globale Konzerne mit immer neuen Sonderangeboten den Eindruck einer totalen Flatrate zu erwecken suchen.

Kein Zweifel: Im 125. Jahr seiner Existenz stehen die Kinos am Scheideweg. Unfreiwillig wird durch die aktuelle Krise aber auch die Einmaligkeit dieser Kulturorte deutlich. Denn nüchtern betrachtet, waren sie schon vorher Bastionen eines fast anachronistischen Idealismus. Richtig Geld zu verdienen war im Kino immer nur mit den Artikeln des schnöden Mainstreams – dem Gegenteil dessen, was die ambitionierten Filmtheater anstreben. Diese bieten etwas eigentlich Unverkäufliches an, nämlich Transformationsräume für Ahnungen und Ängste, für Utopien, Träume und Sehnsüchte.

Es ist an der Zeit, diese Arbeit vergleichbar der von Theatern, Museen oder Opernhäusern öffentlich zu würdigen. Mit den Soforthilfen und Zukunftsprogrammen durch Bund und Länder wurden dafür bereits notwendige Zeichen gesetzt. Hier muss angeknüpft werden. Es ist deshalb von großer Wichtigkeit, dass kommende Woche die meisten Kinos ihre Pforten wieder öffnen. Möge auch momentan der symbolische Wert noch größer sein als der materielle Nutzen. Es gibt nicht nur schlechte Nachrichten. Punktgenau kommt die Wiedereröffnung des Klick-Kinos in Wilmersdorf. Lars Eidinger wird als Pate des Hauses einige seiner Lieblingsfilme präsentieren. Zum Neustart geht mit „Antichrist“ von Lars von Trier und Jean-Luc Godards „Verachtung“ konsequenter Anti-Mainstream über die Leinwand.

Am 2. Juli öffnen bundesweit die meisten Kinos. Am gleichen Tag feiert nach mehrjähriger Pause das Klick-Kino in der Windscheidstraße 19 in Berlin-Wilmersdorf seine Wiedereröffnung.