Kino: Bezahl mit Lebenszeit!

Ein Stoff, aus dem Science-Fiction-Träume sind: Wir schauen in eine Gesellschaft, in der das Geld abgeschafft ist und die Menschen mit Zeit zahlen – ihrer eigenen Lebenszeit. Bis zum 25. Geburtstag läuft alles wie immer, dann jedoch verfügen sie nur noch über das Guthaben eines Jahres. Auf dem Unterarm glimmert grün die restliche Lebenszeit. Nun muss man sich sein Leben verdienen, und mancher gewinnt mit einem Tag Malochen gerade mal einen weiteren Tag Leben, von dem er dann auch noch sein Essen bezahlen muss: Ein Kaffee etwa kostet vier Minuten.

Man kann seinen Lieben Zeitgeschenke machen, indem man ihnen buchstäblich per Handschlag etwas von der eigenen Zeit abgibt. Aber ebenso leicht kann einem die Zeit von Dieben geraubt werden. Ganz oben sitzt der Zeitmillionär, der mit seinem Vermögen noch hunderttausend Jahre leben kann. Denn in dieser Gesellschaft ist auch das Altern abgeschafft. Alle Erwachsenen sind 25. Ob man da gerade seines Nächsten Weib, Mutter, Tochter oder Großmutter begehrt, ist auf Anhieb nicht zu sehen.

Viel Stoff für einen Film von hundert Minuten. Andrew Niccol, der Autor und Regisseur von „In Time – Deine Zeit läuft ab“, hat sie virtuos genutzt und doch nicht verhindern können, dass manches in seinem dramatischen Potenzial ungenutzt bleibt. Der Film ist ungemein straff und spannend erzählt, vermittelt aber ein etwas mageres Gefühl davon, wie es sich in dieser interessanten Welt leben mag. Niccol siedelt seine Geschichte in einer „Metropolis“-artigen Gesellschaft an: Unten in Dayton die dreckigen, aus Zeitnot hektischen Arbeiter, oben in New Greenwich die feinen Leute, die es sich leisten können, ihr Leben langsam zu genießen. Eines Tages kommt einer von oben herab, des ewigen Lebens überdrüssig, und zieht sofort die Aufmerksamkeit von Zeiträubern auf sich. Der Arbeiter Will (Justin Timberlake) bringt ihn in Sicherheit.

Ungewöhnlicher Film mit moralischem Engagement

Der von oben bedankt sich mit dem Rest seiner Lebenszeit und stürzt sich dann von der Brücke. Will ist jetzt relativ wohlhabend und schaut sich mal die Gegend der Reichen an. Allein die Mautgebühren für den Weg in diesen abgeschirmten Bezirk kosten ihn Jahre. Beim Pokern mit dem obersten Zeitverleiher gewinnt Will weitere Jahrtausende und das Herz von dessen Tochter Sylvia (Amanda Seyfried). Allerdings sind bald die Timekeeper, Spezialpolizisten, hinter ihm her, denn deren Chef (Cilian Murphy) kann nicht glauben, dass Will so viel Zeit ohne Gewalt auf sein Konto gebracht hat.

Wie schon der neueste „Planet der Affen“-Film ist auch „In Time“ ein Märchen, das im Gewand der Fantastik die Konstruktionsfehler der westlichen Realität zeigt. Benjamin Franklins Wort „Zeit ist Geld“ wird auf seinen Kern gebracht: Arbeit ist Lebenszeit zum Bezahlen von Lebenszeit.

Wer das nicht schafft, gerät nicht in die Schuldenfalle, sondern liegt tot am Straßenrand. Dabei liegt mehr als genug Zeit für alle in den Banken, und so planen Will und Sylvia in „Bonnie and Clyde“-Manier die Umverteilung: Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Man mag das für naiv halten, aber es schwächt das moralische Engagement dieses ungewöhnlichen Films nicht im geringsten.

In Time – Deine Zeit läuft ab USA 2011. Buch & Regie: Andrew Niccol, Kamera: Roger Deakins, Darsteller: Justin Timberlake, Amanda Seyfried u.a.; 100 Minuten, Farbe. FSK ab 12.